Die Monotonie der Innenstadt

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Von weitem hui, von nahem pfui? Während die Frankfurter Skyline als architektonischer Hingucker gewürdigt wird, regt sich viel Kritik an der Gestaltung der Plätze in der Innenstadt.

Frankfurt ‐ Im Sommer 2009 wurde nach langer Bauphase die Platzfolge Rossmarkt - Goetheplatz - Rathenauplatz fertiggestellt. Seitdem ist die Gestaltung der Frankfurter Innenstadt-Plätze zum Gegenstand allgemeiner Diskussion geworden. Schriftliche Stellungnahmen von Architekten und Stadtplanern, Podiumsdiskussionen und Bürgerprotest wechseln einander ab. Von Claus Wolfschlag

So organisierte etwa im vergangenen Juni die Initiative „Pro Altstadt“ gemeinsam mit den Freien Wählern eine zweitägige Protestaktion auf dem Goetheplatz, bei der heftige Kritik an der Frankfurter Platzgestaltung geübt wurde. Die Stadtverordnete der Freien Wähler Katharina von Beckh sagte: „Nicht nur, dass Goethe historisch falsch herum platziert wurde, sein Gesicht also nun verschattet ist. Die ursprünglich sehr beliebten Beete wurden nach dem Umbau nicht wieder hergestellt. Die heutige Pflasterung ist düster, zudem fehlt bislang jede gastronomische Belebung. Das Auge findet hier also nichts, dass es erfreuen könnte.

Eine während der Aktion erhobene Umfrage unter Passanten zeigte große Zustimmung für die Begrünungs-Initiative. Auch Matthias Alexander, Lokalchef und Architektur-Experte der „FAZ“, konstatierte im November, dass die Reaktionen auf die neue Goetheplatzgestaltung bislang durchweg negativ ausgefallen seien. Allgemein werde die Platzfolge Rathenauplatz - Goetheplatz - Roßmarkt als monoton empfunden.

„Auf einem Platz will ich verweilen“

Das Stadtplanungsamt scheint dabei auf den Gewöhnungseffekt zu setzen. „Wir brauchen Zeit“, sagte Projektleiter Jürgen Büttner bereits im Oktober bei einer Podiumsdiskussion im Kunstverein. Und sein Amtsleiter Dieter von Lüpke äußerte mit einer Prise Sarkasmus auf einer Podiumsdiskussion im November, dass nun bei Demonstrationen auf dem Goetheplatz immerhin keine Blumenrabatten mehr zertrampelt werden können. Dies und seine schwärmerische Erläuterung die Platzfolge, die primär nachts eine „animierende, geheimnisvolle“ Note hätte, führten allerdings eher zu missmutigem Raunen im Publikum.

Trotz des Umbaus von Rathenauplatz und dem im Hintergrund gelegenen Goetheplatz ist niemand so recht glücklich mit der Gestaltung der Platzfolge, die von vielen Betrachtern als monoton empfunden wird.

Der Frankfurter Architekt Stefan Forster äußerte sich Mitte November auf einer Veranstaltung des Kuratoriums Kulturelles Frankfurt grundsätzlich zu diesem Dilemma: „Auf einem Platz will ich verweilen, das ist aber in Frankfurt schwierig. Anders als in Italien existieren hier nur transitorische Räume, die man schnell durcheilen will.“ In Frankfurt sei alles dörflich und schäbig, meinte Forster: „Überall findet man nur Baustellen. Man darf Verkehrsdezernent Lutz Sikorski nicht die Stadt gestalten lassen.“ In Frankfurt, so Forster, bestehe somit kein Bewusstsein für die Gestaltung von Gemütlichkeit. Hier bestände Aufholpflicht gegenüber anderen Metropolen.

Berliner rät zum Innehalten und Nachdenken

Dem pflichtete der ehemalige Berliner Senatsbaudirektor Hans Stimmann bei, nachdem er einen kritischen Stadtrundgang absolviert hatte. Frankfurt sei eine seltsame Stadt, konstatierte er. Zwar gäbe es, im Gegensatz etwa zu Dortmund, wo „alles kaputt“ sei, immerhin Anstrengungen, akzeptable öffentliche Räume zu schaffen. Das Hauptproblem der Frankfurter Planungen aber sei deren Geschichtsvergessenheit. Stimmann: „Auf Frankfurts Plätzen sieht man zwar teils elegantes Design in der Gestaltung. Zu erzählen hat das aber nur etwas über den jeweiligen Zeitgeschmack der vergangenen Jahrzehnte. Spezifisch über Frankfurt, über dessen Geschichte, wird auf den Plätzen dieser Stadt hingegen nichts erzählt.“ Der Berliner rät den Frankfurter deshalb zum Innehalten und zum Nachdenken darüber, was die Stadt eigentlich noch sein will.

Das gewaltige Loch des B-Ebenen-Abgangs neben der Hauptwache soll geschlossen werden, um diese architektonische Sünde zu beseitigen.

Architekt Michael Schumacher möchte dieses Urteil über Frankfurt nicht so pauschal stehen lassen, lobt statt dessen den Römerberg mit seiner rekonstruierten Ostzeile und das Westhafenareal. In der Tat hat Frankfurt auch Plätze, die entweder durch bedeutende Architektur-Solitäre oder eine harmonische Randbebauung, einhergehend mit gastronomischen Angeboten, Aufenthaltsqualität bieten und angenommen werden. Der Opernplatz und der Römerberg sind hierfür die besten Beispiele.

Gleichwohl pflichtet Schumacher, dessen Architekturbüro mit der Neugestaltung des Frankfurter Bahnhofsplatzes beauftragt ist, zu, dass gerade das Stadtentree vor dem Hauptbahnhof derzeit völlig „zugemüllt“ sei. Ampeln, Hütten, Abgänge, Poller und Lampenanordnungen bildeten ein „groteskes Sammelsurium“, bei dem nichts zueinander passe. Ziel einer Platzgestaltung in Frankfurt sei demnach zuerst einmal das Aufräumen.

Nur noch fünf bis sieben Beleuchtungskörpertypen

Schumacher ist hier im Einklang mit neueren Tendenzen des Stadtplanungsamtes, die sich gleichfalls bemühen, die Anzahl unterschiedlichster Designs, etwa bei den Straßenlampen, zu verringern und unnötiges, qualitativ fragwürdiges Stadtmobiliar zu beseitigen. Laut Dieter von Lüpke gab es in Frankfurt vor noch nicht allzu langer Zeit nicht weniger als 350 verschiedene Beleuchtungskörpertypen. Nach den Empfehlungen eines Gestaltungskatalogs sei man dabei, diese auf fünf bis sieben zu reduzieren.

Lob gibt es für die einem Konzept folgende Umgestaltung der Zeil.

Selbst wenn etwas Einheitlichkeit bei der Beleuchtung geschaffen sein sollte, wird das Thema „Plätze und ihre Gestaltung“ auch an vielen weiteren Stellen virulent bleiben.
So sollen in einem nächsten Bauschritt Häuser an der Westseite des Goetheplatzes abgerissen und die Flächen neu gefüllt werden. Eine Rekonstruktion der teils pittoresken historischen Bauten, etwa der neugotischen Einhorn-Apotheke, ist dabei allerdings kaum im Gespräch. Bei einem Architektenwettbewerb sind stattdessen drei Entwürfe in die engere Wahl genommen worden. Ein futuristischer Großbau von Zaha Hadid stieß letztlich auf deutliche Kritik beim planungspolitischen Sprecher der CDU, Jochem Heumann, und bei Elke Tafel-Stein von der FDP. Favorisiert ist stattdessen eine gemäßigt-moderne Rasterfassadengestaltung von Christoph Mäckler. Kritiker in Architekturforen wandten sich aber bereits gegen die Monotonie dieser Rastergestaltung und stellten den ästhetischen Gewinn gegenüber dem Ist-Zustand in Frage.

Konsens von CDU bis zu den Grünen

Obwohl kein wirklicher Platz, sondern vielmehr eine Einkaufsmeile mit der Breite eines Platzes, findet der derzeitige Umbau der Zeil wesentlich mehr Zustimmung. Der Weg zwischen Konstablerwache und Hauptwache wurde gepflastert, ein Beleuchtungskonzept entwickelt. Hinzu kamen neue lichte Gastronomie-Pavillons. Die Aufenthaltsqualität scheint dadurch verbessert. Die verschiedenfarbigen Pflastersteine sind übrigens Teflon-beschichtet und deshalb resistent gegen Kaugummis. Ein längerfristiges Projekt ist die geplante Neugestaltung der unwirtlichen Konstablerwache. Baudezernent Edwin Schwarz will das dortige Stufenpodest wieder abbrechen, was wohl nur ein erster Schritt eines größeren Umbaus sein wird.

Allgemeiner Konsens, von CDU bis zu den Grünen, herrscht darüber, den historischen Schillerplatz hinter der Hauptwache wiederherzustellen. Das riesige Loch des B-Ebenen-Abgangs soll geschlossen werden, zudem das Schillerdenkmal dorthin zurückkehren. 2011 ist für den Beginn der Arbeiten anvisiert.

Und mit dem Wiederaufbau des Altstadtquartiers am Kaiserdom wird ein attraktiver Platz wiedererstehen, den es seit 1945 gar nicht mehr gab: Der Hühnermarkt. Womöglich Frankfurts zukünftige „gudd Stubb“.

Quelle: op-online.de

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