Schlaflos in Frankfurt

Morgens mit der U-Bahn zum Duschen

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Im Studierendenhaus am Campus Bockenheim können sie vorübergehend auf Feldbetten nächtigen. Problem: Wer duschen möchte, muss mit der U-Bahn zum Sportcampus in Ginnheim fahren.

Frankfurt - „So schwer habe ich es mir nicht vorgestellt“, seufzt Viola von der Eltz, wenn sie an ihre bisherige Wohnungssuche denkt. Die 19-Jährige schrieb 25 Wohngemeinschaften in Frankfurt an, nachdem sie eine Zusage für ein Medizinstudium erhalten hatte. Von Khang Nguyen

Die Bilanz: Lediglich ein Fünftel antwortete der Kölnerin überhaupt, eine Wohnung sucht sie immer noch. „Es ist schwierig, wenn man nicht jeden Tag von Köln nach Frankfurt zu einer Besichtigung fahren kann“, klagt von der Eltz. So wie ihr geht es auch anderen Studenten, mit denen sie sich nun eines der Feldbetten im Studierendenhaus am Campus Bockenheim teilt. Zwischen 15 und 30 Quadratmeter groß sind die Gemeinschaftsräume, in denen bisher 15 Erstsemester kostenlos bis Freitag unterkommen können.

Angemeldet haben sich laut Armin Bernsee, Referent für Hochschulpolitik im Allgemeine Studentenausschuss (AStA), rund 40 Suchende, doch auch unangemeldet stehen immer wieder Leute in die Tür. Die Schlafräume befinden sich im ersten Stock; früher waren die Zimmer für Lehrveranstaltungen genutzt worden. Auf dem Gang stehen noch türkisfarbene Stühle gestapelt. Speisen können die obdachlosen Studienanfänger in der Teeküche zubereiten, ein separater Gemeinschaftsraum mit Kickertisch und einer Spielekonsole soll ein minimales Freizeitvergnügen ermöglichen. Doch das größte Problem ist die Körperhygiene: Wer duschen möchte, muss mit der U-Bahn zum Sportcampus in Ginnheim fahren. Von der Eltz ist dennoch für die Notunterkunft sehr dankbar: „Ich wüsste nicht, wohin ich sonst gehen sollte.“

Übernachtungscamp mit rund 20 Studenten organisiert

Vor drei Jahren hatte der AStA aus der Not heraus erstmals ein Übernachtungscamp mit rund 20 Studenten organisiert. Mittlerweile hat sich die Zahl der Betroffenen bei der Aktion „Mieten? Ja wat denn?“ verdoppelt - für Armin Bernsee und Myrella Dorn, Vorsitzende des AStA, ein klares Zeichen für die miese Lage auf dem Frankfurter Wohnungsmarkt. „Viele Studenten haben vor Semesterbeginn noch keine Unterkunft, Hotels und Jugendherbergen sind auch keine Lösung“, so Dorn. Laut Studentenwerk stehen allein in Frankfurt etwa 2000 Studenten auf den Wartelisten für Wohnheimplätze. Auch ein Blick auf die Versorgungsquoten mit Studentenwohnheimen zeigt, dass Frankfurt mit drei Prozent um ein Vielfaches schlechter da steht als der Bundesdurchschnitt (elf Prozent). Die Mainmetropole liegt laut einer Studie des Immobilienunternehmens GBI zudem auf Platz drei der deutschen Hochschulstädte mit dem angespanntesten Wohnungsmarkt - direkt hinter München und Hamburg.

Armin Bernsee wünscht sich von der Stadt Frankfurt mehr Kreativität, damit sich Studenten über kurz oder lang Wohnungen leisten können. AStA-Vorsitzende Dorn ergänzt: „Bei einem Bafög-Höchstsatz von 670 Euro im Monat kann sich kein Student eine Miete 500 Euro leisten.“ Dorn kritisiert zudem, dass Investoren bei Neubauten nur an die Gewinnmaximierung denken - finanzierbarer Wohnungsraum sei dagegen sehr knapp. Lothar Augustin, vom Verein „Offenes Haus der Kulturen“, sieht die Politik in der Pflicht und meint: „Es ist eine Schande.“ Ohne einen drastischen Kurswechsel sei es nur eine Frage der Zeit, bis ein zweites Europaviertel auf dem ehemaligen Campus Bockenheim entstehe.

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Für von der Eltz gibt es dagegen wieder Hoffnung: Über soziale Netzwerke hat sie in letzter Minute ein Ein-Zimmer-Apartment nahe der Uni-Klinik entdeckt. Wenn alles gut läuft, könnte sie ab kommendem Montag für 370 Euro monatlich einziehen - doch noch ist nichts sicher. Noch bis morgen will sie im Camp bleiben und für das Wochenende zu ihren Eltern nach Köln fahren. Aber sie ist guter Dinge, denn bisher habe doch noch alles geklappt - auch dank des Übernachtungscamps.

Quelle: op-online.de

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