Der stumme Beifahrer

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100 000 Euro hat Grossmann allein die Entwicklung des Sarg-Beiwagens gekostet - streng konform mit der Bestattungskraftwagen-Verordnung.

Usingen/Düsseldorf - Als Jörg Grossmann auf dem schweren, schwarzen Kawasaki-Gespann langsam zum Nordfriedhof in Düsseldorf rollt, hat er einen stummen Begleiter neben sich. Im speziell angefertigten Beiwagen ruht hinter Kunststoffglas gut sichtbar ein Sarg.

In ihm liegt Siggi A., zu Lebzeiten begeisterter Biker. „Das war die Jungfernfahrt - die erste Motorrad-Bestattung in Deutschland“, sagt der 48-jährige Grossmann, der dem Toten vor wenigen Tagen das letzte Geleit gab.

Staunen, ungläubige Blicke, Kopfschütteln, Begeisterung: Die Bestattung per Motorrad hat die Passanten in zwei Lager gespalten. „Dat is ‘ne jute Sache“, habe ihm ein Autofahrer zugerufen, berichtet Grossmann. Andere haderten mit der Pietät. Seinen Service bietet Grossmann von Usingen im Hochtaunuskreis aus mit örtlichen Bestattern bundesweit für 1200 Euro an.

„Dagegen ist überhaupt nichts einzuwenden“, sagt Rolf Lichtner, Geschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Bestatter in Düsseldorf. „Wir beobachten einen Trend zur individuellen Bestattung. Die Bestattung per Motorrad ist eine Möglichkeit - es gibt inzwischen auch Bestattungsfahrten per Lkw.“ Lichtner ist lediglich gegen „Schaufahrten“ mit dem Toten etwa über die Düsseldorfer Königsallee. Es sollte bei der Überführung zum Friedhof bleiben.

Motorrad-Bestattung in den USA brachte ihn auf die Idee

Den Anstoß für Grossmann gab ein Erlebnis 2009 in Arizona (USA). Der 48-Jährige wurde zufällig Zeuge einer Motorrad-Bestattung, wie es sie in den USA massenhaft und in England auch bereits fast täglich gibt. 400 Motorradfahrer begleiteten damals mit ihren schweren Harleys einen der ihren auf seiner letzten Fahrt. Der fuhr im Sarg-Gespann vorneweg. „Das hat mich emotional sehr berührt“, gesteht Grossmann.

Er fährt selbst seit drei Jahrzehnten Motorrad. In England beerdigt sein Vorbild und Ideengeber rund 50 Biker pro Monat. Als Motorradfan weiß Grossmann um die Leidenschaft seiner Klientel: „Wenn ich zu Lebzeiten jede Fahrt mit dem Motorrad erledigt habe, warum nicht auch die letzte?“ Seinen Job als Vertriebsleiter einer Versicherung hat er an den Nagel gehängt. Inzwischen haben Bestatter bundesweit seine Sonderfahrt ins Programm genommen und der größte Bestatter der Schweiz soll bald folgen. Bis es soweit war, musste der Mann aus dem Taunus 100.000 Euro in die Entwicklung seines unternehmerischen Traums stecken. So viel kostete die Entwicklung des Beiwagens mit Sargfläche, streng konform mit der Bestattungskraftwagen-Verordnung. Den Beiwagen hat er sich patentieren lassen.

Das Gespann muss die Lasten eines 100-Kilo-Toten samt Sarg verkraften. Nach der Kawasaki kann bald auch eine Harley Davidson Deutschlands Friedhöfe anfahren. Das Gespann wiegt dann mit Sarg fast eine Tonne.

dpa

Quelle: op-online.de

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