Soziale Probleme im Vordergrund

Ein Mount Everest an Ursachen

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Das Präventionswerk ist einzigartig in Deutschland. Junge Männer, die sich íslamistischem Gedankengut zugewandt haben, sollen ihre Schwierigkeiten, die meist im privaten Bereich und nicht in theologischen Orientierungen liegen, aufarbeiten. Unser Bild wurde bei einer Kundgebung des salafistischen Predigers Pierre Vogel in Frankfurt aufgenommen.

Frankfurt - Sie arbeiten mit Syrien-Rückkehrern und radikalen Salafisten – in und außerhalb der Gefängnisse. Die Berater des Gewaltpräventionsnetzwerks VPN haben muslimische Wurzeln und sind Streetworker, Pädagogen und Dozenten zugleich. Schwerpunkt ihrer Arbeit ist Hessen. Von Ira Schaible 

Manchmal rufen Eltern nachts an, weil sie die Ausreise ihres Sohnes nach Syrien befürchten. „Im Notfall gehen wir sofort raus“, berichtet der Geschäftsführer des Präventionsnetzwerks VPN, Thomas Mücke, aus der Arbeit mit salafistischen Extremisten und ihren Familien. Das gilt auch, wenn die jungen Leute, meist Männer, selbst anrufen. „Sie sollen sich ja melden, wenn sie ein Problem haben!“

Die Beratung von VPN (Violence Prevention Network) ist das Herzstück des in Deutschland noch einzigartigen hessischen Präventionsnetzwerks gegen Salafismus. Die „Beratungsstelle Hessen – Religiöse Toleranz statt Extremismus“ hat ihren Sitz in Frankfurt. Vier Fachleute mit muslimischen Wurzeln arbeiten mit Syrien-Rückkehrern, Salafisten und deren Angehörigen, halten Vorträge und beraten Lehrer. „Wir sind sehr mobil und in ganz Hessen unterwegs“, sagt einer von ihnen. Sie gehen auch ins Gefängnis und suchen Kontakt zu Inhaftierten wie zu Kreshnik B., der wegen seiner Beteiligung an der Terrormiliz Islamischer Staat im ersten deutschen Prozess gegen einen Syrien-Rückkehrer zu einer Jugendstrafe von drei Jahren und neun Monaten verurteilt wurde.

Die meisten Radikalisierten sind Männer

Zu mehr als 100 Familien und 40 jungen Menschen haben die Berater in Hessen nach rund einem dreiviertel Jahr Kontakt, wie Mücke sagt. Und es werden ständig mehr.

Trotz aller Berichte über Frauen, die es nach Syrien zieht: „Extremismus ist ein Männer-Phänomen.“ Die meisten radikalisierten Salafisten seien 17 bis 19 Jahre alt, manche auch erst 14 oder schon 23. Längst nicht alle stammen aus Familien mit muslimischen Wurzeln. „Es sind auch viele konvertierte Deutsche dabei.“

Wer ist für den Salafismus besonders anfällig? „Jeder Einzelfall ist anders“, betont Mücke. Aber es gibt auch Gemeinsamkeiten. Die Familien sind meist nicht sehr religiös und wissen auch nicht viel über den Islam. Häufig fehlt der Vater. Die jungen Leute haben ein niedriges Selbstwertgefühl. Oft kommt eine Diskriminierungserfahrung dazu. Auf der Suche nach ihrer Identität, nach Wertschätzung und Gemeinschaft kommen sie dann mit radikalen Salafisten in Kontakt. „Religiöse Bildung allein schützt davor nicht“, sagt Mücke. „Man muss immer genau hinhören, was vor der Radikalisierung passiert ist.“

Selbstmord im Islam ist verboten

„Meist sind die sozialen Ursachen so groß wie der Mount Everest, und die theologische Schicht ist ganz dünn“, ergänzt der Fachmann. Bei der Entscheidung, in Syrien kämpfen zu wollen, sei manchmal auch Abenteuerlust dabei. Möglicherweise spiele gelegentlich auch eine suizidale Sehnsucht in Folge schwerer depressiver Krisen eine Rolle. „Denn Selbstmord ist im Islam verboten.“

Wie arbeiten die Berater von VPN? „Das erste Ziel ist, eine Arbeitsbeziehung herzustellen“, sagt Mücke. Dann gehe es darum, strafbare Handlungen und eine Ausreise oder Rückkehr nach Syrien zu verhindern. Zugleich werde mit den Betroffenen daran gearbeitet, Distanz zu der extremistischen Szene zu entwickeln, alte soziale Kontakte zu aktivieren und einen persönlichen Zukunftsplan aufzustellen. „Ein Jahr dauert das mindestens.“ Extremistisches Gedankengut verschwinde nicht von heute auf morgen.

Großes Polizei-Aufgebot bei Salafisten-Versammlung

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Syrien-Rückkehrer seien häufig eher desillusioniert und würden von Selbstzweifeln geplagt. Viele seien traumatisiert, aber noch nicht deradikalisiert. Wichtig sei es, mit jedem Einzelnen regelmäßig in der U-Haft sprechen zu können. 

(dpa)

Quelle: op-online.de

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