Multimedia, Kreuzverhör für Pfarrer und ein Buffet

Für manchen darf es nicht zu „fromm riechen“. Auch darauf müssen Pfarrer achten, die mehr Besucher wollen.Foto: dpa

Frankfurt/Rhein-Main - Fulda/Immenhausen/Eschborn (dpa) Gottesdienst einmal anders: Neben dem Altar spielt eine Band mit E-Gitarre und Schlagzeug, der Pfarrer tanzt vor dem Kreuz mit Kindern zur modernen Musik und die Kirchgänger singen lauthals mit und lassen die Arme dabei in die Luft fliegen.

Der evangelische Gottesdienst in der Kreuzkirche in Fulda hat wenig mit der landläufigen Vorstellung einer herkömmlichen Andacht zu tun. Deswegen trägt die sonntägliche Zusammenkunft auch den Titel „AAAnderer Gottesdienst“. Die drei „A“s stehen für „Ausschlafen“, „Aufatmen“ und „Aufeinanderzugehen“.

Der Pfarrer, der sich das ausgedacht hat, trägt keinen Talar sondern ein dunkles, legeres Jackett. „Wir versuchen hier etwas besonders Lebendiges anzubieten, bei dem sich die Menschen wiederfinden“, sagt Stefan Bürger. Der 40-Jährige ist aber kein Trendsetter.

Keine schwermütige Orgelmusik, keine klassischen Bibeltexte, keine theologischen Zwänge - wohl gerade deshalb ist der „Andere Gottesdienst“ so beliebt in der vor allem katholisch geprägten, konservativen Domstadt in Osthessen. Jeden ersten Sonntag im Monat ist die kleine Kirche rappelvoll. Nicht jeder bekommt einen Sitzplatz. 120 Leute wollen regelmäßig dabei sein. Bei den konventionellen Gottesdiensten sind es nur 40 bis 50. „Das Drumherum muss stimmen“, erklärt Bürger den großen Zuspruch. Das Erfolgsgeheimnis des Gottesdienstes liegt nicht nur in der aufgelockerten Atmosphäre. Auch die Titel der Veranstaltungen scheinen die Besucher anzuziehen. Beim ersten Gottesdienst dieser Art des Jahres geht es in Fulda um „Lebe deinen Traum - Träume dein Leben“. Bürger spannt dabei den Bogen von Martin Luther King („I have a dream“) über den neuen US-Präsidenten Barack Obama („Yes we can“) bis hin zu den Sehnsüchten und Sorgen seiner Gemeindemitglieder.

Während die Band spielt, können die Besucher auf Zettel Fragen schreiben, die der Seelsorger später beantwortet. Keine Frontal-Dauer-Predigt, sondern Austausch und Dialog. In Bürgers Kirche hält zudem Multimedia Einzug: Eine mit dem Computer erstellte Präsentation mit Bildern, Liedtexten und Videos wird an die Wand des Gotteshauses projiziert. Nach dem Vaterunser stärken sich die Besucher an einem Buffet. In Immenhausen-Holzhausen - 30 Kilometer nördlich von Kassel - lädt die evangelische Kirche dreimal pro Jahr zu „Gplus“ - Gottesdienst und mehr - ein. Dann kommen jedes Mal 350 Gäste ins Bürgerhaus - fast sechsmal so viel wie sonst. Auch dort spielt eine Band oder Theatergruppe. Und Pfarrer Norbert Mecke (41) lässt sich von seinen Gottesdienst-Gästen auch ins Kreuzverhör nehmen. „Es ist wichtig Kommunikationsformen zu finden, die sonst im Gottesdienst fehlen“, begründet er. „Kirche muss nicht altbacken sein.“

„Go Special“ heißt das Gottesdienst-Format der evangelischen Kirche in Niederhöchstadt bei Frankfurt. Statt weniger hundert wie sonst kommen dann bis zu 700 Leute - und zwar in ein Kino und nicht in die Kirche. „Das sind meist Kirchen distanzierte Menschen“, sagt Gemeindegeschäftsführerin Anke Wiedekind, „deshalb darf es auch nicht zu fromm riechen“. Zu hören bekommen die Besucher neben Rock- und Popmusik dann Themen, die sie im Alltag bewegen. Zum Beispiel: „Platz 1 in den Single-Charts - Die Kunst, allein durchs Leben zu gehen“.

Die Kritik an den modernen Gottesdiensten halte sich in Grenzen, sagt der Fuldaer Pfarrer Stefan Bürger. „Einige behaupten zwar: Es kommen nur so viele Leute, weil es bei uns etwas zu essen gibt. Aber selbst wenn es so wäre - ich habe trotzdem die Kirche voll gekriegt und das Evangelium verkündet.“

Quelle: op-online.de

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