Reportage vom Museumsuferfest

Museumsuferfest: „Doortensdüüüg“ und Disco-Tower

+
Zu beiden Seiten des Mainufers drängten sich Abertausende. Auch die Uferstraßen waren dicht.

Frankfurt - Das Museumsuferfest bleibt der König der Massenbelustigungen in Hessen. Auch am Wochenende schoben sich Hunderttausende durch die Bühnen- und Budenzeilen, während es in den Museen deutlich ruhiger zuging. Von Michael Eschenauer

Gestern Abend endete die Melange aus „Karaoke im Schöfferhofer Disco-Tower“ und „Klang im Kloster“ mit einem Feuerwerk. Was rutscht leichter runter: Eine „Hirvimakkara“ (Elchbratwurst) und ein Bier für zusammen 8.50 Euro oder die Investition von sieben Euro für den Kauf des Museumsbuttons? „Wir kaufen uns sicher morgen einen und gehen dann in die Museen“, beeilt sich Jessie aus Kelsterbach vor dem Imbissstand des finnischen Gastlandes zu beteuern. Schließlich will man nicht als kulturlose, „Karjalaanpiirakka“-mampfende Fress- und Feier-Tussie dastehen. „Karjalaanpiirakka“ sind übrigens karelische Piroggen mit Eibutter.

Wie Jessie geht es einigen: Der jüngste Aufschlag von vier auf sieben Euro für den Pauschaleintritt hat Hemmschwellen erhöht. Der „Mount Kenia Teller“ ist manchem dann doch näher als Lydia Maria Blanks Cembalo Solo im Refektorium des Karmeliterklosters. Klar ist aber auch: Das Museumsuferfest war immer ein vielgesichtiger Riese. Beeindruckend, ein bisschen beängstigend ob seiner Fülle –und ein Publikumsmagnet. Ganz Hessen kommt. Man reißt die Augen auf, was so alles geht in der Metropole Frankfurt. Festbesucher, Einkaufs- und echte Touristen, auf den Straßen stehen die Reisebusse zweispurig, der Römerberg läuft über, die Stadt ist im Ausnahmezustand. Bei den Alten Meistern im Städel hört man nur knarrende Dielen und ehrfurchtsvolles Geflüster.

Massentaugliche Themen

Diese beiden original finnischen Trolle machten das Mainufer unsicher.

„Doortensdüüüg“ buchstabiert die amerikanische Besucherin vor dem Museum für Moderne Kunst. Hier geht es laut Plakat um „Tortenstückschiffskunstwerkbau?“. Die Familienführung beschäftigt sich mit dem Konzept des Architekten Hans Hollein. „Er nahm sich bewusst zurück und lässt die Kunst die Baustruktur bestimmen“, spricht Sergey Haruroonian zu den acht Erwachsenen und sechs Kindern. Das Gebäude solle auch den Geist der Modernen Kunst spiegeln. „Sie ist nicht linear, sondern vielfältig und ermöglicht neue Blicke auf den Gegenstand - wie eben auch die labyrinthartige Architektur.“ Für Joseph Beuys habe man sogar einen eigenen Raum konzipiert. Eine klassische Führung.

Den Museen den Vorwurf zu machen, sie pflegten eine elitäre Pose, wäre ungerecht. Man bemüht sich um Anschaulichkeit, einigermaßen massentaugliche Themen, eingängige Aktionen. „Das haben Sie gut gemacht“, lobt Max, Student der Judaistik, am Stand des Jüdischen Museums den Besucher. Hier kann man in „zehn Minuten Hebräisch lernen“, was darauf hinausläuft, dass man sich einen Anstecker mit dem eigenen Vornamen bastelt. Die Leute sind begeistert. Einfach die Vokale aus dem Namen streichen, den Rest von rechts nach links schreiben, die entsprechenden hebräischen Buchstaben einfügen, die Vokale über, unter, oder neben die Konsonanten schreiben - und fertig.

Kloster für Frauen reiferen Alters

Ziel insbesondere der jüngeren Besucher waren die Live-Bands auf den großen Bühnen der Sachsenhäuser Seite.

Im Karmeliterkloster bringt die kostümierte Silke Westerhoff vornehmlich weiblichen Bildungsbürgerinnen im reiferen Alter launig die Lebensgeschichten des Frankfurter Mäzens Claus Stalburg „der Reiche“ und des deutschen Malers aus dem 16. Jahrhundert, Jörg Ratgeb, nahe. Im Kindermuseum hantieren Armelle, Frédéric und ihre fünf Kinder aus Annecy mit Reichspfennigen, Kaufmannswaage und Kakaobohnen im Original-Kolonialwarenladen aus den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts. Auf der Bühne des Caricatura-Museums am Dom versucht der Autor, Schauspieler und Regisseur Hartmut El Kurdi dem amüsierten Publikum bei Bier und Nudelsalat weiszumachen, dass der Hase deshalb lange Ohren hat, weil Gott sie ihm langzog. Der Hase war nach El Kurdis Interpretation der biblischen Schöpfungsgeschichte zu faul, seinen neuen Namen - eben „Hase“ - zu lernen und versagte bei der Abfragestunde. Es folgte die erwähnte Disziplinierungsmaßnahme.

Am Stand des Geldmuseums beugt sich Berthold über den Taschenrechner, Zahlenkolonnen einer Tabellenkalkulation füllen seinen Block. Es geht darum, zu schätzen wie viel geschredderte Geldscheine in der ausgestellten Plastikbox zu sehen sind. Berthold bleibt einsilbig. Die Presse könnte ja sein Ergebnis publizieren - und ein hoher Gewinn wäre futsch.

Bilder vom Museumsuferfest

Massenbelustigung beim Museumsuferfest

Kultur im klassischen Sinn zieht an diesem Wochenende insbesondere Menschen aus dem asiatischen Raum an. Im Goethehaus strömen sie an Museumsführer Siegfried Körner vorbei. Für ihn sollte es vorrangiges Ziel von Museumsarbeit sein, nicht nur den „Gedichteschreiber sondern den Menschen Goethe“ darzustellen. Es ist die „Mächtigkeit der Worte“ die ihn beeindrucke. Weniger Jahreszahlen - außer das Geburtsdatum 28. August 1749 - seien wichtig. Ansonsten könne man am ehesten Interesse wecken, indem man zeige, „wie ein Mensch lebte, und was ihn dazu veranlasste, zu tun, was er dann tat“. Von Frankfurt sei Goethe leider nie richtig überzeugt gewesen, habe es einmal als „Nest“ bezeichnet. „Dichtung und Wahrheit“ ist für Körner das beeindruckendste Werk des Dichterfürsten. „Es sagt am meisten aus über seine Zeit in Frankfurt.“

Und während all dies geschieht, fallen in den Seitenstraßen Rotten von Abschlepp-Trucks über die Autos her. In Hasselroth, Büttelborn, Cölbe oder Hirzenhain mögen sie Goethe, El Kurdi oder Claus Stalburg kennen, was aber bitte ist „Anwohnerparken“?

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare