Musik im Ohr bis in den Tod

+
Kopfhörer und Zugverkehr - keine gute Kombination.

Offenbach ‐ Die Augen offen zu halten, reicht im Straßenverkehr nicht aus. Die Ohren müssen ebenso aufmerksam sein - um Klingelzeichen, Hupen, Martinshörner, herannahende Autos und Züge wahrzunehmen. Eine Binsenweisheit. Von Ralf Enders

Offenbar nicht, denn immer wieder und immer öfter kommt es zu schweren Unfällen. Die Kopfhörer der mp3-Player stecken meist noch in den Ohren der Toten. So wie in den beiden jüngsten tragischen Fällen im Rhein-Main-Gebiet. Am Montag dieser Woche wurde in Lorsch ein 23-jähriger Radfahrer beim Überqueren eines Bahnübergangs von einer Regionalbahn erfasst. Trotz geschlossener Halbschranke und mehrerer Achtungspfiffe des Lokführers hatte er den Zug wegen des Musikabspielgeräts nicht bemerkt. Am Freitag zuvor hatte eine Regionalbahn in Bad Vilbel eine 20-jährige Radlerin getötet. Die junge Frau wollte mit mp3-Player und Kopfhörern einen Bahnübergang überqueren.

Zwei junge Menschen sind tot. Weil sie laut Musik hörten, statt auf den Verkehr zu achten. Gesonderte Statistiken über solche Unfälle gibt es beim Statistischen Bundesamt in Wiesbaden nicht. Als sicher gilt jedoch, dass es immer mehr werden.

Aufklärung ist das eine, Verbote das andere

Der Präsident der Bundespolizeidirektion Koblenz, Manfred Lohrbach, hat eine eindeutige Meinung: „Wer sich mit Musik so völlig vom Verkehrsgeschehen abkoppelt, begibt sich in Lebensgefahr.“ Lohrbach, selbst Vater zweier Kinder im Alter der Opfer, kündigt an, im Kampf gegen die Unsitte Kopfhörer im Straßenverkehr nicht nachzulassen: „Das (...) Angebot von Präventionsveranstaltungen der Bundespolizei, insbesondere in Kindergärten und Schulen, werde ich noch weiter steigern, damit noch mehr Menschen über die Gefahren im Bahnbereich aufgeklärt werden.“

Aufklärung ist das eine, Verbote und Strafen sind das andere. Der Auto Club Europa (ACE) will mp3-Player schon seit langem aus dem Straßenverkehr verbannen. ACE-Verkehrsrechtsexperte Volker Lempp: „Wir wollen niemandem den Musikgenuss vermiesen, aber bei Selbst- und Fremdgefährdung hört der Freizeitspaß auf.“ Lempp fordert ein Verbot der Musikgeräte, ähnlich dem Handyverbot: „So richtig es war, den Gebrauch von Handys am Steuer zu verbieten, so falsch ist es, mp3-Player von diesem Verbot auszunehmen.“, sagt er und verweist auf den Paragraphen 23 der Straßenverkehrsordnung, wonach Sicht und Gehör unter anderem nicht Geräte beeinträchtigt sein dürfen.

Das Bundesverkehrsministerium hält Verbote und schärfere Strafen zumindest „für eine berechtigte Frage“, wie Pressesprecher Richard Schild sagt. „Aber die muss die Politik beantworten. Wir novellieren die Straßenverkehrsordnung ja nur auf Geheiß der Politik.

ADAC appelliert an die Vernunft

Für den ADAC hingegen wäre ein spezielles mp3-Player-Verbot sinnlos. „Es ist immer schlecht, wenn der Gesetzgeber spezielle Dinge generell ausschließt“, sagt Pressesprecher Maximilian Maurer und verweist darauf, dass es zum Beispiel auch schon mp4-Player gebe. „Man müsste alles, was ablenken kann, wörtlich erwähnen“, gibt Maurer zu bedenken. Überhaupt sei die Rechtslage verworren: „Ein Handy im Auto als Diktiergerät zu benutzen, ist verboten, ein Diktiergerät hingegen erlaubt“, sagt Maurer. Er plädiert für allgemeine und leicht verständliche Gesetze wie eben den Paragraphen 23 der Straßenverkehrsordnung. „Da steht drin, dass nichts ablenken darf - fertig.“

Der ADAC appelliert an die Vernunft der Verkehrsteilnehmer. „Ein Stöpsel im Ohr mit angemessener Lautstärke reicht doch aus“, meint Maurer. Höhere Strafen hält er für zwecklos. „Das würde doch nichts ändern. Das ist wie beim Handy-Verbot im Auto.“

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare