Per Nachtbus durch die Galaxis

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Die Nachtbusse sind Auffangbecken für Partygänger aller Couleur. Wer ausgelassen feiern und das Auto lieber zu Hause lassen will, nimmt die Transportmöglichkeit zu später Stunde gerne in Anspruch.

Es ist spät. In eisiger Kälte schlendern sie die Straße entlang - vereinzelte Grüppchen mit nur einem gemeinsamen Ziel vor Augen: den Nachtbus erwischen. Egal ob sie nach Rodgau, Dietzenbach, Offenbach oder einfach zur nächsten Party fahren wollen - sie alle jubeln, lachen und diskutieren in schwer verständlichen Worten. Von Sascha Reichelt

Es sind die Nachteulen, die es wagemutig durch die kalten grellen Gassen zieht. Wer in Frankfurt feiert, kommt an „Alt-Sachs“ kaum vorbei. Die Kneipenmeile bietet auch zur späten Stunde noch eine Nische zum gemütlichen „Chillout“. Gerade erst verließen sie das „O'dwyers“- Irish-Pub. Reichlich Guinness vom Fass und das noch nachklingende irische Gedudel betäubt ihre Sinne. Sie scheinen den stechenden Schmerz der Kälte nicht mehr zu spüren. Gleich einer Entenfamilie marschieren die schwankenden Wesen den Straßenrand entlang. Nur noch wenige Schritte sind es bis zur Bushaltestelle.

Hat jemand ‘nen Plan?“ ruft der vorderste seinen Anhängern zu. Ein junges Mädchen mit pinken Haaren bleibt stehen und wühlt in ihrer schwarzen Lederhandtasche. Sie holt eine kleine kompakte Broschüre heraus: Das Fahrplanheft des Rhein-Main-Verkehrsverbundes.

Klassischer Hardrock und Metal aus der Konserve

Seit Mitte Dezember sind nun auch die Städte Rodgau, Ober-Roden, Heusenstamm und Dietzenbach an das Nachtbusnetz des Kreises Offenbach angeschlossen. „Wir können sogar noch um halb vier fahren!“ ruft das junge Mädchen ihrem blonden Freund mit dem Igel-Look und Augenbrauenpiercing zu. Schnell „checkt“ er die Uhrzeit und wirft ihr einen erleichterten Blick zu: Noch genügend Zeit für einen Abstecher in den „Ponyhof“. Tobende Bässe strömen beim Öffnen der Tür nach draußen. Die Konturen tanzwütiger Menschen blitzen im stakkato-artigen Rhythmus des Stroboskopes auf. Was einst der gemütliche Szeneclub „Das Bett“ war, scheint nun alles andere als ein Ponyhof zu sein.

Unweit davon entfernt gibt es ihn noch: klassischer Hardrock und Metal aus der Konserve. Im „Speak Easy“ trifft man auf eine junge Clique gepiercter und tätowierter Leute - die einen machen bald ihr Abitur, die anderen studieren oder leisten ihren Zivildienst. Sie alle verzichten lieber aufs Auto, als auf ihr nächtliches Bier. Vorbildlich.

Rocker, Hausfrau, Musiker

Weniger klassisch wirkt jedoch das Bild des langhaarigen Rockers mit einem Touchscreen-Handy. Gregor geht online, um zu schauen, mit welcher Linie er nach Ginnheim kommt. Doch zuvor möchte er sich noch sein letztes Weizen gönnen, bis er schließlich von der Konstablerwache aus mit der Linie n2 Richtung Heimat fährt.

Draußen wartet derweil Martina auf den n62. Sie war heute alleine unterwegs. Die 36-jährige Hausfrau kam gerade aus dem Irish-Pub und macht noch einen kurzen Abstecher ins „Cave“, um dort eine Freundin zu treffen. Unweit vom „Struwwelpeter“ steigt sie am Affentor ein.

Durch die hinteren Türen steigt auch Bernhard mit seiner schwarzen Gitarrentasche hinzu. Der Musiker war gerade bei einer nächtlichen Jam-Session in einem Offenbacher Bunker. „Jetzt geht’s aber heim“ verspricht sein müdes Gesicht.

Rund 5,7 Kilometer entfernt wartet Mark am Offenbacher Marktplatz auf den n66. Von der Müdigkeit getrieben schaut er sehnsüchtig auf die Uhr. Kurz vor vier. Mark studiert in Frankfurt und wohnt seit ein paar Monaten in Dietzenbach.

Ein kleines Universum geht in der Szene auf

Mit seinen Kommilitonen war er im „Velvet Club“ auf der Hanauer Landstraße. Auch wenn ihm kein Raver-Look anzusehen ist, fühlt er sich der elektronischen Tanzmusik hingezogen: Techno, House, Trance - das ist seine Welt. Doch jetzt wünscht er sich nur absolute Ruhe. Wenige Meter von seiner Haustür hält der Nachtbus an der Römersiedlung.

Es ist wirklich ein kleines Universum, das in der Szene aufgeht. Menschen verschiedenster Herkunft treffen im urbanen Dschungel aufeinander. Das rege Großstadtgeflüster ist noch bis in die frühen Morgenstunden zu hören - dann, wenn die übrig gebliebenen Nachtschwärmer aus den Kneipen kriechen und die erste Bahn aufsuchen.

Quelle: op-online.de

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