43 aktive Ärzte in Stadt und Kreis Offenbach sind 66 Jahre und älter

Nachwuchs bricht weg

Die Ärzte in Hessen werden immer älter. Während im Jahr 2000 etwa ein Drittel der Mediziner unter 40 Jahre alt war, sind es nach den neuesten Zahlen nur noch ein Viertel, wie die Landesärztekammer in Frankfurt berichtete.

„Uns bricht der ärztliche Nachwuchs weg“, sagte der Präsident der Landesärztekammer, Gottfried von Knoblauch zu Hatzheim. 2000 war noch nicht einmal jeder fünfte Arzt 60 Jahre und älter (19,5 Prozent), 2009 war es fast jeder vierte (23,9 Prozent).

Für den Kreis Offenbach sieht die Rechnung nach Zahlen der Landesärztekammer derzeit folgendermaßen aus: 104 Ärzte sind unter 40, weitere 262 zwischen 40 und 49 Jahre sowie 236 zwischen 50 und 59 Jahre alt. 93 aktiv praktizierende Mediziner sind 60 bis 65 Jahre alt und immerhin noch 22 Ärzte sind 66 Jahre und älter.

Für die Stadt Offenbach ergibt sich ein ähnliches Bild: 185 Mediziner sind jünger als 40. Zwischen 40 und 49 Jahre sind 212 Ärzte, 217 gehören zur Altersklasse der 50- bis 59-Jährigen. 65 Doktoren sind zwischen 60 und 65 Jahre. Ferner praktizieren noch 21 Ärzte, die älter sind als 66 Jahre.

Wie sich die Situation in den einzelnen Kommunen darstellt, haben unsere Redaktionen vor Ort beleuchtet:

Dietzenbach: Dr. Reinhold Jerwan, Obmann der Dietzenbacher Ärzteschaft, bestätigt für seinen Beritt die zunehmende Überalterung. In fünf, sechs Jahren, meint er, wird es ein Loch geben, wenn die älteren Kollegen in den Ruhestand gehen. Schon jetzt fänden viele ältere Kollegen keine Nachfolger für ihre Praxis. Grund seiner Ansicht nach: die Jüngeren hätten weder Anreiz, noch Lust, Mut oder Motivation, sich niederzulassen. Schließlich lasse die Politik kaum noch Entscheidungsfreiheit, zudem müssten Ärzte und Patienten die Bestimmungen der Krankenkassen „ausbaden“. Weiteres Problem: die nicht angemessene Honorierung. Im Ausland könnten junge Mediziner im Krankenhaus teilweise das Doppelte verdienen - ohne sich um Personal, Praxisbedarf etc. kümmern zu müssen.

In Dietzenbach gibt es 35 niedergelassene Ärzte, davon 14 Allgemeinmediziner und 21 Fachärzte. Davon sind aktuell im Alter von 35 bis 40 Jahren lediglich drei Ärzte; 41-45: neun; 45 bis 50: drei; 50 bis 55: vier; 55 bis 60: zwölf und 60 bis 65: vier.

Dreieich und Langen: Ein großer Teil der niedergelassenen Ärzte in Dreieich und Langen hat sich im Medizinischen Qualitätsnetz organisiert. Die meisten Mitglieder, so Dr. Rainer Wittig, Sprecher des Qualitätsnetzes, sind zwischen 45 und 55 Jahre alt. Es gibt mehr niedergelassene Ärzte in Dreieich und Langen, die dieses Altersspektrum überschreiten als solche, die jünger sind. Die älteren haben Wittig zufolge große Schwierigkeiten, Nachfolger für ihre Praxen zu finden. Eine Ärztin in Sprendlingen, so ist zu hören, suche seit anderthalb Jahren einen Nachfolger und finde keinen. Gerade im Bereich Dreieich und Langen seien einige Praxen geschlossen und in andere, größere Praxen verlegt worden. Das sei, so Wittig, unter Aspekten der Wirtschaftlichkeit zwar sinnvoll, könne aber die wohnortnahe Versorgung gefährden.

Seligenstadt und Rodgau: Relativ entspannt sieht Dr. Winfried Winter, Sprecher des Hausärzteverein Seligenstadt, die Situation im Ostkreis: „In der Region Seligenstadt, Hainburg und Mainhausen gibt es im Moment rund 25 hausärztliche Praxen. Das durchschnittliche Lebensalter meiner niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen liegt bei 50 Jahren. Von einer Überalterung kann im hiesigen Hausärzteverein also keine Rede sein.“ Völlig anders dagegen sei es im benachbarten Rodgau. Die dortigen Verhältnisse bezeichnete Dr. Winter im Zusammenhang mit der, von der Landesärztekammer befürchteten Überalterung bei den Medizinern, als katastrophal.

Mühlheim:Nach Aussage von Mühlheims Erstem Stadtrat Heinz Hölzel „sind die Ärzte in Mühlheim nicht mehr die Allerjüngsten“. Der Schnitt liege geschätzt bei rund 50 Jahren - sowohl, was die Hausärzte betreffe, als auch die Fachärzte. Bis dato habe man allerdings alle freigewordenen Praxen wieder mit einer Nachfolgerin oder einem Nachfolger besetzen können. „Und da wir im Rhein-Main-Gebiet weiterhin Zuzug haben, werden die Ärzte ganz im Gegensatz zu ländlichen Regionen auch weiterhin ordentlich zu tun haben.“

Münster und Babenhausen: Für den Münsterer Allgemeinmediziner Dr. Peter Lücker stellt sich die Situation so dar: „Es sieht gut aus in Münster. Mit sechs niedergelassenen Allgemeinmedizinern ist der Ort ausreichend ausgestattet, jeder hat seinen Arzt in fußläufiger Entfernung. Zwei der sechs Kollegen sind zwar über 60, dass einer demnächst in Ruhestand geht, ist mir nicht bekannt.“ In Babenhausen wirkt sich die Überalterung der Ärzteschaft in den nächsten zehn bis 15 Jahren nicht aus. Der dienstälteste Mediziner ist seit 21 Jahren niedergelassen.

Offenbach:Hausarzt Dr. Eckhard Starke bestätigt, dass auch die Ärzte in der Stadt Offenbach immer älter werden. Das Durchschnittsalter von Medizinern in der Stadt heute um die 55 Jahre, was vor allem eine Folge mangelnden Nachwuchses sei: „Viele junge Kollegen lernen ihren Beruf hier, verlassen Deutschland aber anschließend ins Ausland. Dort verdienen sie zwar nicht mehr, aber die Arbeitsbedingungen sind oft besser.“ In der Konsequenz stünden viele niedergelassene und vor der Pension stehende Ärzte auch in Offenbach vor dem Problem, dass sie ihre Praxen nicht mehr verkaufen könnten. „Dann fällt ihnen auch die Altersvorsorge weg, die sie mit dem Praxisverkauf fest eingeplant hatten.“

Eine weitere Konsequenz betreffe unmittelbar die Patienten selbst, ergänzt Starke, der auch Vorsitzender des Offenbacher Ärztevereins ist: „Viele Unternehmer übernehmen Praxisräume, um medizinische Versorgungszentren aufzubauen, mit denen sie ausschließlich Profit machen wollen.“ Für den Patienten bedeute dies zwar unter Umständen zwar eine 24-Stunden-Verfügbarkeit von Ärzten, jedoch ein Verlust an individueller Betreuung durch ständig wechselnde Mediziner.

„Deutschland marschiert auf eine Situation zu, in der durch die pauschale Bezahlung von Ärzten die Weichen dafür gelegt werden, dass Praxen reine Wirtschaftsunternehmen werden, was von den Krankenkassen auch so gewollt wird“, meint Starke.

Quelle: op-online.de

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