Nachwuchssorgen an den Grundschulen

Offenbach - Der Job des Schulleiters ist bei vielen Lehrern immer noch unbeliebt, er bringt eine große Zahl zusätzlicher Aufgaben mit sich, die nach Meinung der Pädagogen oftmals unzureichend entlohnt werden.

Das Problem: In den nächsten vier Jahren wird - aus Altersgründen - etwa die Hälfte aller Schulleitungen in Hessen neu zu besetzen sein. Die Landesregierung reagierte bereits mit der Gründung einer sogenannten Führungsakademie. Auch das Schulamt in Offenbach engagiert sich und bietet Maßnahmen zur „systematischen Gewinnung und Qualifizierung von Nachwuchsführungskräften“ an. Doch bei Lehrerverbänden ist die Skepsis unüberhörbar. Kritik kommt jetzt vom Verband Bildung und Erziehung (VBE) in Hessen. Mit Helmut Deckert, Landesvorsitzender der Lehrergewerkschaft, sprach Peter Schulte-Holtey.

Sind Schulleiter-Stellen attraktiver geworden?

Diese Frage ist differenziert zu sehen: „Attraktivität“ ist abhängig von der - selbst gewählten - Verantwortung und der daraus folgenden gesellschaftlichen Achtung, sowie von der Besoldung. Deshalb sind in Hessen in der Regel Schulleiterstellen an Gymnasien, Berufsschulen und großen Haupt-- und Realschulen relativ leicht zu besetzen, weil sie Anerkennung finden und in der Regel mindestens ab Einkommensstufe A 14 besoldet sind.

Und bei Grundschulen?

Dort sind zunehmend weniger Bewerber zu finden, weil selbst bei einer vierzügigen Grundschule nur die Besoldungsstufe A 13 erreicht werden kann; an den meisten Schulen liegt sie sogar noch niedriger. An einer großen Zahl von sogenannten Zwergschulen in bevölkerungsarmen Gebieten - zum Beispiel auch im östlichen Main-Kinzig-Kreis - können die Leiterinnen sogar nur mit einer 80-Euro-Zulage rechnen. Außerdem sind die Kolleginnen dort oft „Mädchen für alles“, weil es keinen Hausmeister gibt, von ausreichenden Sekretärinnenstunden ganz zu schweigen. Dies sind allerdings Leistungen des Schulträgers und somit für das Kultusministerium schlecht beeinflussbar. Hinzu kommt die viel zu hohe Unterrichtsverpflichtung, die von der Schülerzahl abhängig ist. Mit anderen Worten: Der Leiter eines Gymnasiums hat bei höchster Besoldung die geringste Unterrichtsverpflichtung, während die Leiterin der kleinen Grundschule bei schlechtester Besoldung die höchste hat.

Neue Belastungen stehen an.

Ja! Ab 1. August kommen auf die Schulleiter weitere Aufgaben hinzu - ich nenne nur die Stichworte Budget, Selbständige Schule, Inklusion, Schulentwicklung, Personalkontrolle. Bislang ist eine Entlastung nicht erkennbar.

Wie beurteilen Sie die Anstrengungen des Ministeriums?

Sie sind absolut unzureichend, weil sie die bereits angesprochenen Ursachen nicht angehen. So wäre eine Mindestbesoldung von A 13 erforderlich - und eine Unterrichtsentlastung von 15 Sockelstunden plus von der Schülerzahl abhängiger Zuschläge. Ich weise zudem darauf hin, dass Deutschland beim Vergleich der Staaten in der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung mit die höchste Unterrichtsverpflichtung der Schulleitungen hat. Werbung für Schulleiterstellen ist aus meiner Sicht nicht erfolgreich, wenn wir gerade an den kleinen Grundschulen zunehmend „Rückernennungen“ - also Amtsaufgaben - erleben, wenn Amtsinhaber entnervt aufgeben. Daran sind übrigens nicht die Schulämter schuld, sie leisten ihr Möglichstes an Unterstützung.

Quelle: op-online.de

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