Der Nächste bitte

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Die Hand zum Schwur gehoben haben gestern 550 Polizeikommissaranwärter bei ihrer Vereidigung auf dem Hessentag in Langenselbold. Das zehntäige Landesfest bietet mehr als 1 000 Veranstaltungen. Die Stadt erwartet in dieser Zeit bis zu einer Million Besucher.

Langenselbold -  Als sich die Atmosphäre brenzlig aufzuheizen droht, zieht der Ministerpräsident erst mal das Sakko aus. Es scheint ganz so, als ob sich Roland Koch (CDU) Luft und Bewegungsfreiheit für den verbalen Schlagabtausch verschaffen will.

Umweltschützer und Ausbau-Gegner des Kohlekraftwerks Staudinger versuchen, die Bürgersprechstunde auf dem Hessentag als Plattform zu nutzen. Sie wollen dem Ministerpräsidenten in Langenselbold die Meinung geigen und wortgewaltig auf einen „Skandal“ aufmerksam machen. Dafür haben sie gestern extra ein Transparent mitgebracht.

Koch verzieht das Gesicht und murmelt genervt etwas, was so klingt wie: „Wir kennen uns.“ Die Situation droht aus dem Ruder zu laufen, bis Mitarbeiter der Staatskanzlei den Schimpftiraden ein Ende bereiten - und das Mikrofon weg nehmen. Koch lässt die Umweltschützer in Reihe eins wissen, dass er nicht ihrer Meinung ist. Kohlekraftwerke seien nötig. Der Nächste bitte.

Wenige Minuten später wird Koch mit einem in epischer Breite vom Blatt abgelesenen Problem einer jungen Muslimin konfrontiert. Die Kopftuch-Trägerin beschwert sich, dass sie Nachteile sehe, im öffentlichen Dienst ein Job zu bekommen. Sie spricht von „diskriminierender Politik“. Der Ministerpräsident entgegnet: Er habe Stunden zuvor muslimische Frauen als Polizistinnen vereidigt. Und Regierungssprecher Dirk Metz sieht sich nach einem unruhigen Diskussionsstart gezwungen, erst einmal die Spielregeln für die Bürgersprechstunde festzulegen: Kurze Fragen stellen, damit auch andere noch dran kommen. Im Anschluss halten sich alle brav dran.

Nach etwas krawalligem Beginn wird die Atmosphäre gesitteter. Es geht quer durch den Garten privater und öffentlicher Probleme. Koch weiß auf viele Fragen spontan ausführliche Antworten. Er argumentiert und zeigt sich einfühlsam. Weiß er mal nicht weiter, verspricht er, dass sich Experten aus seinem Team des Anliegens annehmen und eine Antwort geben werden.

Überhaupt keinen Plan hat Koch jedoch, als ihn ein Sammler antiker Münzen fragt, ob es angehen kann, dass er für seine Taler Herkunftsnachweise bereit halten muss. Der Mann sagt, seine Sammlung sei beschlagnahmt worden. Koch zieht die Stirn kraus und sagt: „Ehrlich gesagt - ich habe keine Ahnung.“ Seine Leute würden sich aber auch dazu kundig machen und dem Münzsammler Antwort geben.

270000 Besucher sind an den ersten drei Tagen zum Hessentag nach Langenselbold gekommen. Nach 30 000 Besuchern am Freitag und 110000 am Samstag waren am Sonntag noch weitere 130000 Gäste in die kleine Stadt geströmt. Dies teilte der Hessentagsbeauftragte der hessischen Landesregierung, Heinrich Kaletsch, gestern mit. Im vergangenen Jahr waren an den ersten drei Tagen 310000 Besucher zum Hessentag nach Homberg/Efze gekommen.

dpa

Quelle: op-online.de

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