Nächster Halt: Stauferburg

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Dieser Eichenbalken hat sich seit dem 14. Jahrhundert erhalten.

Frankfurt - Die Vergangenheit ist immer präsent, nur sieht man sie zumeist nicht. Gerade in alten und bedeutenden Städten tut sich bei Bauarbeiten nicht selten ein Fenster in die Vergangenheit auf. Von Michael Eschenauer

Dass es dabei nicht nur um vergammelte Abwasserrohre und vergessene Stromkabel geht, zeigt jetzt ein sensationeller Fund in Frankfurt: Beim Anlegen der Fundamente für das neue Historische Museum auf dem Römerberg kam unter der Baggerschaufel eine mittelalterliche Hafenanlage, genauer gesagt eine Schiffsanlegestelle aus dem 13. und 14. Jahrhundert zum Vorschein. Wegen des exzellenten Zustands sprach Frankfurts Kulturdezernent Felix Semmelroth (CDU) gestern von einem deutschlandweit einzigartigen Fund.

Es sind allerdings Umplanungen am Museumsneubau erforderlich. Deshalb verzögert sich dessen Eröffnung um mehrere Monate und ist nun für Herbst 2015 geplant.

„Hier bietet sich uns ein Einblick in die Urgeschichte Frankfurts“, freute sich Semmelroth. Etwa 25 Meter lang und einem Meter hoch ist die mit dicken Balken aus Eichenholz eingefasste Kaimauer. Sie verläuft an der südlichen Grenze des Neubaubereichs und liegt schätzungsweise 80 Meter stadtwärts versetzt parallel zum heutigen Mainufer. An die Balken schließt sich eine „filigrane Pflasterung“ an. Die Eichenbalken, so Semmelroth, wurden mit Hilfe einer Analyse der Jahresringe auf die Zeit zwischen 1303 und 1314 datiert.

Fund kam überraschend

Hier legten einst Schiffe an - an der mittelalterlichen Kaimauer posieren Museumsleiter Jan Gerchow, Bürgermeister Olaf Cunitz und Kulturdezernent Felix Semmelroth

Die Schiffsanlegestelle hatte nach Einschätzung der Fachleute auch repräsentativen Charakter. Sie war nicht nur gebaut für die zahlreichen Schiffe und Flöße, die die Messe- und internationale Handelsstadt Frankfurt ansteuerten, sondern auch für die Besucher des Stauferschen Saalhofs, der sich unmittelbar an den Kai anschloss. Das restaurierte Ensemble aus Rententurm, Bernuspalais, Burnitzbau, Stauferbau und Zollgebäude bildet den Saalhof und wird zusammen mit dem Neubau in Frankfurt ein neues Museumsquartier begründen.

Nach Angaben von Bürgermeister Olaf Cunitz (Grüne) kam der Fund überraschend, da vorbereitende Sondierungen des Erdreichs an der Baustelle nur bis in eine Tiefe von zwei Metern reichten. Die mittelalterliche Anlegestelle befindet sich aber in vier Metern Tiefe. Cunitz versprach, dass die Fundstelle der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird, wahrscheinlich arrangiert man sie, geschützt durch ein Dach, im Freien.

Die Umplanungen betreffen die Toiletten und weitere Nebenräume des Museumsneubaus. „Der Start der Rohbauarbeiten wird sich bis zum kommenden Frühjahr verzögern“, so Cunitz. Über den Winter werde man das historische Grabungsfeld, das man von der restlichen Baugrube abtrennen werde, fluten, um es vor Frost zu schützen. „Hier entsteht vorübergehend ein 3.200 Quadratmeter großer Stauferteich.“

„Eine Anhebung der Qualität des Museums“

Andrea Hampel, Leiterin des städtischen Denkmalamtes, sieht vor allem in der bautechnischen Qualität der Kaimauer samt 2,30 Meter breitem Weg ein Alleinstellungsmerkmal. Zwar habe es in anderen deutschen Hafenstädten ähnliche Anlagen gegeben, „die wurden aber immer wieder erneuert und damit verändert. Die Tatsache, dass man die Anlage an der Stauferburg in Frankfurt zugeschüttet hat, um Boden am Mainufer zu gewinnen, hat den Hafen über viele Jahrhunderte konserviert.“ Hampel schätzt, dass die Eichenbalken an dem Kai, die zum Schutz der Schiffrümpfe dienten, regelmäßig ausgewechselt wurden. „Damit ist sicher, dass Anfang des 14. Jahrhunderts der letzte Wechsel stattfand. Wenig später sei in diesem Bereich die Stadtmauer nach Süden verlagert worden. Üblich seien im Mittelalter außerdem zumeist lediglich aus Lehm gestampfte Straßen und nicht Pflaster gewesen. In den Häfen fand man einfache Spundwände und in den Schlamm gerammte Holzpfähle für die Schiffe, aber nicht aufwändig konstruierte Kaimauern.

Der Direktor des Historischen Museums, Jan Gerchow, sieht in dem Fund des Staufer-Hafens die Chance „einer Anhebung der Qualität des Museums“. Das wertvolle Relikt der Frankfurter Geschichte passe gut zum Ausstellungskonzept und auch zum Neubau des Museums selbst, das Teile der alten Stauferanlage wie Kapelle, Rententurm und Palas in den Neubau integriere.

Quelle: op-online.de

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