Hessens Flüsse werden umgebaut

Gut für die Natur und fürs Auge

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Da lebt wieder was: Biberspuren am Ufer der Nidda.

Frankfurt - Hessens Flüsse kommen hier und dort eher als Kanal daher. Zahlreiche Projekte sollen für mehr Natürlichkeit sorgen. Gut für Fische - und fürs menschliche Auge. Von Carolin Eckenfels

Freiheit für Flüsse und Fische: In Hessen gibt es zahlreiche Projekte, die den Gewässern mehr Raum und Tierarten ihren angestammten Lebensraum zurückgeben sollen. Erste Erfolge sind da, doch bis zum Ziel muss noch viel Wasser die Flüsse hinunterfließen. Naturschützer fordern mehr Anstrengungen bei der Renaturierung.

„Unser Anspruch ist, dass alle Flüsse wieder ihren natürlichen Raum an ihren Ufern bekommen“, erklärt Mark Harthun, Referent beim hessischen Naturschutzbund (Nabu). „Aber klar, das ist eine Aufgabe für Jahrzehnte.“ Das Land hinke hinterher, die EU-Wasserrahmenrichtlinie umzusetzen. Die schreibt vor, dass die Gewässer wieder in einen guten Zustand versetzt werden.

Das Land Hessen gibt für Renaturierungsmaßnahmen jährlich - im Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre - 5,5 Millionen Euro aus. Seit 2000 werden zwischen 5 bis 10 Millionen Euro bereitgestellt. Mit dem Geld werden die Kommunen unterstützt, die für die Projekte zuständig sind.

„Hessen hat noch einen weiten Weg vor sich“, räumte der Sprecher des Arbeitskreises Wasser beim hessischen Landesverband des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Reiner Plasa, ein. Damit stehe das Land aber nicht alleine da. Ein Problem sei, an die nötigen Flächen für die Maßnahmen zu gelangen und sie zu kaufen.

Freier fließen darf in Hessen zum Beispiel die Wohra, ein Flüsschen in den Kreisen Waldeck-Frankenberg und Marburg-Biedenkopf. Das tat sie lange nur „monoton und kanalartig“, wie Herbert Diehl erzählt. Das sei mittlerweile aber an wichtigen Stellen verändert worden, sagt der technische Sachbearbeiter beim Regierungspräsidium (RP) Gießen, Dezernat „Oberirdische Gewässer, Hochwasserschutz“.

Nun gibt es Fischrampen, totes Holz im Wasser als Unterschlupf für Fische und eine Art Seitenarm, damit die Tiere Wehre überwinden können. „Wir geben den Gewässern Hilfe zur Selbstentwicklung“, erklärt der Experte. Bislang habe sich die Wohra sehr gut entwickelt. Wichtig sei die Erreichbarkeit der Gewässer. Davon können auch Hessens Lachs-Experten ein Lied singen. Es gibt mehrere Wiederansiedlungsprojekte im Land. Ziel: Der Wanderfisch soll im Rhein wieder auf und ab schwimmen und in kleinere Flüsse gelangen können. Etwa in die Wisper im Hintertaunus. Bereits Ende der 1990er Jahre wurden dort erste Jungtiere ausgesetzt. Der Schwarzbach folgte einige Jahre später, in diesem Spätsommer sollen an der Weschnitz in Südhessen die ersten kleinen Lachse ausgesetzt werden.

An die Wisper kehrte 2002 das erste große Exemplar zurück, wie Christian Köhler berichtet, der Leiter der Oberen Fischereibehörde beim zuständigen RP Darmstadt. „Wir haben Rückkehrer, aber noch zu wenige.“ Ein großes Problem sei die für die Tiere so wichtige Durchgängigkeit der Gewässer. Lachse wandern von ihren Fluss-Wiegen ins Meer und wieder zurück, um zu laichen.

Der Fischökologe Jörg Schneider, der für die Lachs-Projekte arbeitet, erklärt: Ganz genau wissen die Experten nicht, warum die Tiere Probleme bei der Passage haben. Mehrere Faktoren seien im Blick. So müsse geprüft werden, welche Rolle ein Sperrwerk an der Rheinmündung spielt, welche die Fischerei, die steigende Zahl großer Containerschiffe oder der Ausbau von Wasserkraftwerken. Schneider kann aber auch Erfreuliches berichten: „Wenn die Lachse denn zu uns kommen, dann funktioniert die Reproduktion.“

Wohler fühlen sich Tiere auch an der Nidda. Der Fluss entspringt im Vogelsberg, fließt durch die Wetterau und mündet in Frankfurt in den Main. Mittlerweile setzten alle Anrainerkommunen Projekte um oder hätten das bereits getan, erklärt Gewässerökologe Gottfried Lehr. Zuletzt wurde dem Flüsschen mitten in Bad Vilbel mehr Raum gegeben, allerdings fiel dafür ein Stück Kurpark weg.

Lehr zufolge sind die Nidda-Projekte ein Erfolg. Eisvogel, Biber oder zuvor ausgestorbene Fische wie Barben und Meerforellen seien zurückgekehrt. „Aber es muss weitergehen“, betont er. Nach Angaben des Wasserverbands Nidda sind weitere Maßnahmen geplant. Wichtig sei das nicht nur für den Hochwasser- und Artenschutz, sagt der technische Leiter Manfred Tunkowski. „Die renaturierten Bereiche sind auch für die Menschen attraktiver.“

dpa

Quelle: op-online.de

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