Nestwärme gesucht

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Für Kinder etwa aus zerrütteten Elternhäusern sind Pflegefamilien die Chance auf ein normales Leben.

„Wir waren schon immer eine aufgeschlossene Familie“, erzählt Paul Müller (alle Namen von der Redaktion geändert). Schon mehrfach haben er und Ehefrau Silvia Austauschschüler aus den USA aufgenommen. Von Frank Mahn

Wie aber wird man Pflegefamilie? Warum nimmt man ein „fremdes“ Kind auf, das nicht selten aus zerrütteten Verhältnissen kommt? „Ich habe in einem Kindergarten gearbeitet und bin dort durch eine Broschüre auf das Thema aufmerksam geworden“, sagt Silvia Müller. Nachdem der Kindergarten geschlossen worden war, stand für die zweifache Mutter fest: „Ich wollte weiterhin etwas im Bereich Kinderbetreuung machen.“ Ihren Mann musste sie nicht lange überreden, sie nahmen Kontakt zum Kreisjugendamt auf. Polizeiliches Führungszeugnis, Gesundheitszeugnis, Lebenslauf, diverse Gespräche und Besuche von Mitarbeitern des Amtes – nachdem alles zur Zufriedenheit der Behörde geklärt war, kamen die Müllers auf die Bereitschaftsliste für die „akuten“ Fälle. Ein paar Wochen später klingelte das Telefon.

Neues Famlienmitglied brachte Alltag durcheinander

Infos für künftige Pflegeeltern:

Kreis OffenbachS 06074 / 8180-3350jugend-soziales@kreis-offenbach.de Stadt Offenbach S 069 / 8065-3441 jugendamt@offenbach.de Stadt Hanau S 06181 / 295-1629 sozialerdienst@hanau.de Kreis Darmstadt-Dieburg S (06151) 881-1441 jugendamt@ladadi.de

Wir waren sehr aufgeregt und ich hatte am Anfang Bauchschmerzen“, schildert Silvia Müller. Das neue „Familienmitglied“ auf Zeit, ein Junge, brachte den Alltag erst mal ziemlich durcheinander. „Es dauerte etwa zwei Monate, bis sich alles eingespielt hatte. Gerade in den ersten Wochen war die Situation für unseren Sohn sehr schwierig.“ Er empfand den „Neuzugang“ einerseits als Bereicherung, andererseits aber auch als Rivalen im Buhlen um Aufmerksamkeit und Zuneigung der Eltern.

Viele Pflegekinder sind schnell eifersüchtig“, weiß Silvia Müller inzwischen aus Erfahrung und Gesprächen mit anderen Pflegefamilien. Von den leiblichen Eltern werden sie vernachlässigt, in manchen Fällen misshandelt. Sie leiden unter Liebesentzug, klammern, wollen auf den Arm genommen werden.

Manche Fälle liegen freilich anders; wenn beispielsweise ein Elternteil erkrankt und kein anderer Verwandter die Betreuung übernehmen kann. „Nestwärme ist für Pflegekinder besonders wichtig“, sagt Martina Schmidt, die durch die Berichterstattung in den Medien für die Problematik sensibilisiert wurde. Und gemeinsam mit Ehemann Christoph etwas tun wollte. „Kinder brauchen Geborgenheit.“ Als notwendige Voraussetzungen nennt die mehrfache Mutter Erfahrung, Geduld und Nerven. „Schlaflose Nächte gehören immer dazu.

Zusammenarbeit mit Behörden hakt noch etwas

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Die Familie hat einen kleinen Jungen zur Pflege, der auch erst seinen Platz in der „neuen“ Familie finden musste. Ein gutes halbes Jahr ist er nun schon bei den Schmidts zuhause. Eigentlich sollte er früher zu seiner Mutter zurück, aber so schnell geht’s nicht. Erst muss noch ein Gutachten erstellt werden. Dagegen hat Martina Schmidt natürlich nichts, aber es müsste aus ihrer Sicht schneller gehen. „Drei bis vier Monate sind zu lang.“ Das sei für alle eine Hängepartie. In der Zwischenzeit sieht der Junge seine Mutter einmal wöchentlich – unter Aufsicht des Jugendamtes auf neutralem Boden, wie es die Regel ist.

In der Zusammenarbeit mit der Behörde sehen beide Familien Verbesserungspotenzial. Die Kommunikation sei oft schwierig, die richtigen Ansprechpartner seien nicht immer leicht zu erreichen. „Ich würde mir wünschen, dass sich alle als Team sehen“, sagt Martina Schmidt. Sie kann sich einen wöchentlichen Informationsaustausch vorstellen, bei dem sich die Beteiligten auf den neuesten Stand bringen. „Es müsste mehr Geld für Personal da sein. Dann hätten die Mitarbeiter auch mehr Zeit“, wünscht sich Paul Müller.

Was Pflegeeltern auf sich nehmen und leisten, ist unbezahlbar. Aktuell 53 Euro pro Tag plus Kostenerstattung für Kleidung überweist ihnen der Staat für ein Pflegekind.

Geld ist nicht die Motivation“, sagt Müller. „Es ist schön zu erleben, wie sich ein Kind entwickelt.“ Der Abschied fällt jedes Mal schwer. Aber der nächste Anruf kommt bestimmt.

Quelle: op-online.de

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