Neue Watschen für Schulte

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Am Fraport-Kurs wird von allen Seiten gerüttelt. Konzernchef Stefan Schulte sucht die Balance.

Frankfurt - Mit „Kurs Nordwest-Bahn“ in die Sackgasse? Es kommt einiges in Bewegung im Streit um Flughafenausbau und wachsenden Fluglärm: Schon die „Erstlandung“ auf der neuen Nordwestbahn war begleitet von Protesten im Airport; vor sechs Wochen entrollten Aktivisten der Umweltschutzorganisation „Robin Wood“ im Terminal ein Transparent mit der Aufschrift: „Wer wird denn gleich in die Luft gehen? Von Peter Schulte-Holtey

Flugbewegungen deckeln!“ Inzwischen sind die Montags-Demonstrationen im Terminal 1 schon „Kult“ für viele Lärmgeplagte zwischen Hanau und Mainz.

Flughafenbetreiber Fraport und Konzernchef Stefan Schulte bekommen aber nicht nur den Zorn der Anwohner mehr und mehr zu spüren. Auch die Fluglotsen machen jetzt Druck und warnen davor, an den Plänen für den Flughafenausbau festzuhalten, im Jahr 2020 einen Eckwert von 126 Flugbewegungen in der Stunde zu erreichen (derzeit sind es 90). Als Grund nannte Jörg Biermann, Sprecher der Gewerkschaft der Flugsicherung (GdF), im Interview mit dem „Wiesbadener Kurier“ gestiegene Lärmschutzauflagen und das noch vorläufig geltende, strenge Nachtflugverbot. „Keine Frage, Lärmschutz ist wichtig. Wenn dem weiterhin Rechnung getragen werden soll, muss man aber auch bereit sein, sich mit Eckwerten unterhalb von 126 Flugbewegungen anzufreunden. Eine solche Bereitschaft können wir nicht erkennen. Alle zusätzlichen Lasten werden einfach bei den Fluglotsen abgeladen“, so Biermann.

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Der wirtschaftliche Druck auf die Lotsen sei enorm. „Der kommt aber nicht nur von Fraport, sondern auch von den Fluggesellschaften.“ Besorgt zeigte sich der GdF-Sprecher zudem über die neue Südumfliegung. Denn mit ihr seien Konflikte mit Durchstartmanövern auf der Südbahn geschaffen worden. Sehr kritisch äußerte sich Biermann zu der Vorgabe, dass schwere Maschinen wie die 747 oder der A380 nicht auf der Nordwest-Landebahn und damit nur über dem südlichen Gegenanflug landen dürfen. Dies sei schlicht und ergreifend „Unfug“, meinte er. „Der Lärmschutz hat sich da ein Eigentor geschossen.“ Während Biermann steileres Starten und dadurch gewisse Entlastung in der Region für möglich hält, sieht er bei den Anflügen über Mainz nur noch wenig Luft nach oben.

Von den Grünen wurde der „Ball“ von den Fluglotsen aufgenommen. Sie forderten umgehend von der Luftverkehrswirtschaft, ihren Beitrag zum Lärmschutz zu leisten. „Der rechnerische Kapazitätsgewinn durch den Ausbau darf nicht ausgenutzt werden, sondern muss auch der lärmgeplagten Bevölkerung zu Gute kommen“, so der Flughafen-Experte der Grünen, Frank Kaufmann. Weniger Fluglärm für die Region durch den Verzicht auf die maximal mögliche Zahl an Flugbewegungen zugunsten lärmarmer Start- und Landeverfahren müsse nun auf die Tagesordnung. Die Flugsicherung müsse insbesondere durch eine Personalaufstockung in die Lage versetzt werden, dass durch mehr Fluglärmschutz erhöhte Anforderungen an die Flugverfahren sicher erfüllt werden könnten.

Grünen-Sprecher Kaufmann will aber nicht nur „operative Maßnahmen“

Bei Fraport dürften auch die von den Grünen plakativ vorgestellten „Blitzmaßnahmen gegen Fluglärm“ für Bauchschmerzen sorgen. So schlägt Kaufmann vor, dass aktiv wirkende Schallschutzmaßnahmen, die zur Verringerung der Belastung führen, möglichst umgehend nicht nur in die Tagesrandstunden, sondern auch in den regulären Tagesbetrieb am Flughafen übernommen werden; das sind für den Grünen-Sprecher zum Beispiel: das Steilstartverfahren, damit die Flugzeuge möglichst rasch Höhe gewinnen; der Gleitsinkanflug, damit die Flugzeuge weitgehend im Leerlauf zum Landepunkt herabsinken; der gebogene Anflug, damit die Flugzeuge möglichst keine Besiedlungszentren in geringer Höhe überfliegen; gezielte Bahn- und Routennutzungen - auch in Form von zeitlichen Betriebsbeschränkungen für einzelne Bahnen, damit Pausen der Lärmbelastung für die Betroffenen geschaffen werden und die Erhöhung des Gleitwinkels des Instrumenten-Lande-Systems über 30 Grad hinaus, damit die Überflughöhen im Endanflug möglichst hoch liegen. Grünen-Sprecher Kaufmann will aber nicht nur „operative Maßnahmen“. Er setzt zum Beispiel auch auf eine Änderung des Luftverkehrsgesetzes zugunsten eines wirksamen Lärmschutzes.

Fraport-Chef Schulte meldete sich gestern prompt zu Wort, sagte erneut zu, möglichst rasch Abhilfe durch Schallschutz- und Aufkaufprogramme zu schaffen. Zudem gab es Schulterklopfen in eigener Sache: Für Kommunen, die besonders niedrige Überflughöhen aufweisen, wie etwa Flörsheim, habe Fraport ja freiwillig das sogenannte Casa-Programm aufgelegt. Der Flughafenbetreiber erstattet dort Eigentümern, deren Häuser direkt unter Anfluggrundlinie auf die neue Landebahn liegen, auf Antrag den Verkehrswert der Immobilie vor dem Ausbau oder bietet in Übergangszonen eine gestaffelte Ausgleichszahlung pro Quadratmeter Wohnfläche an. Auch habe die „Task Force Flugwegeoptimierung“ erste positive Ergebnisse zu verzeichnen, wie etwa eine Routenbündelung auf der Südumfliegung, so der Vorstandschef. Und der Anteil lauter Flugzeuge nehme bereits seit Jahren kontinuierlich ab, eine Folge der vor Jahren eingeführten Gebührenreduzierung für leisere Jets.

Allerdings ließ Schulte auch Skepsis durchblicken, warnte also vor zu viel Hoffnungen: „Bei den Maßnahmen des aktiven Schallschutzes sollten wir erst einmal gar nichts für die Zukunft ausschließen, wir können aber auch nichts versprechen.“

Quelle: op-online.de

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