Nicht den Main heizen

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Tarek Al-Wazir mit einer weißen japanischen Trauerschleife am Arm bei einer Veranstaltung in Frankfurt.

Die acht ältesten deutschen Atomkraftwerke gehen zunächst für drei Monate vom Netz, darunter Biblis A und B. Es gilt als wahrscheinlich, dass zumindest Reaktor A abgeschaltet bleibt.

Damit nimmt die Dauer-Debatte um das südhessische Atomkraftwerk durch die Katastrophe in Japan eine rasante Wendung. Mit dem Offenbacher Landtagsfraktionschef der Grünen, Tarek Al-Wazir, sprach unser Redaktionsmitglied Ralf Enders:

Herr Al-Wazir, wissen Sie, wie oft Sie in Ihrem Leben gegen Biblis demonstriert haben?

Nein, das weiß ich nicht mehr. Aber ich kann mich erinnern, dass ich schon in den 80-ern mit noch nicht einmal 18 Jahren bei Demonstrationen dabei war.

Musste eine Katastrophe wie in Japan passieren, damit Biblis abgeschaltet wird?

Ich hätte mir gewünscht, dass eine solche Katastrophe nicht eintritt. Das ist so unvorstellbar schlimm. Man möchte es nicht erleben, aber es ist passiert. Die Lehre daraus ist: Das Unwahrscheinliche kann eben doch eintreten. Deshalb sagen wir seit Jahrzehnten, dass wir raus müssen aus der Atomkraft. Unfälle geschehen auch in anderen Technologien, aber eben nicht mit solchen verheerenden Folgen.

Sie sprechen von der „Energiewende“. Wie soll die hessische Energieversorgung in Zukunft konkret aussehen?

Erstens müssen wir Energie sparen; wir haben uns an ihre Verschwendung gewöhnt. Aber diese Einsparungen dürfen nicht auf den Strombereich beschränkt bleiben. Wir verbrauchen 40 Prozent unserer Energie beim Heizen. Hier gilt es gegenzusteuern, etwa mit Wärmedämmung.

Zweitens muss der Energieeinsatz effizienter werden. Das gilt zum Beispiel für die Technik von Autos und Haushaltsgeräten, aber auch industriellen Maschinen.

Und drittens natürlich gilt es, die Erneuerbaren Energien auszubauen. Sie machen heute bundesweit schon 18 Prozent der Stromerzeugung aus. Vor zehn Jahren waren es nur 5 Prozent. Und das, obwohl der Ausbau von manchen ja teilweise bewusst blockiert wurde.

Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier hat einen „Energiegipfel“ für das Bundesland angekündigt.

Wir sind jederzeit bereit, parteiübergreifend zu reden. Aber eigentlich wissen alle, was zu tun ist. Bouffier weiß es vielleicht nicht, weil er jahrelang nur den Atomkonzernen nachgeplappert hat. Also: Die Energieversorgung muss weg von den Großkraftwerken und stärker dezentralisiert und effektiviert werden. Wir müssen den Ausbau der Erneuerbaren Energien beschleunigen, auch was Windkraft im Binnenland, aber auch an der Küste und im Meer betrifft.

Wir brauchen dafür natürlich auch neue Stromtrassen, die müssen gebaut werden und wir müssen die Menschen vor Ort dabei mitnehmen. Dann gilt es, Speichermöglichkeiten für Strom auszubauen; wir brauchen zusätzlich für die Übergangszeit flexible Kraftwerke, um Spitzen im Strombedarf zu decken und die anfangs schwankende Erzeugung der erneuerbaren Energien auszugleichen. Moderne Gaskraftwerke etwa sind so flexibel.

Welche Auswirkungen der aktuellen Debatte auf die Zukunft des umstrittenen Kohlekraftwerks Staudinger bei Hanau sehen Sie?

Natürlich sagen nun alle bisherigen Atomkraftbefürworter ‘Staudinger muss her‘. Aber Staudinger gehört zu der alten Ideologie der Großkraftwerke, die verschwenderisch arbeiten und nicht flexibel steuerbar sind. Das Kraftwerk ist Teil der Verschwendungskultur, denn die Hälfte der Energie heizt den Main. Ein Gegenbeispiel ist das EVO-Kraftwerk (Energieversorgung Offenbach AG, die Red.) an der Andréstraße in Offenbach: Es ist nicht strom-, sondern wärmegeführt, also vor allem im Winter im Betrieb, wenn beispielsweise Solaranlagen naturgemäß sehr wenig Strom liefern. Das heißt, die Wärme geht nicht ungenutzt in den Main, sondern ins Fernwärmenetz.

Erwarten Sie Auswirkungen der Atomkatastrophe auf die hessischen Kommunalwahlen in zehn Tagen?

Das ist schwer zu sagen. Der Wahlkampf hat sich verändert. Am Samstag haben wir den Auftritt einer Band bei einem Termin in Marburg abgesagt. Es ist nicht die Zeit für Fröhlichkeit, und es fällt schwer, über den kommunalen Finanzausgleich zu reden, wenn man diese Bilder sieht. Auch die Menschen wollen eigentlich nur über Atompolitik reden. Seit Freitagabend sind die Veranstaltungen anders.

Quelle: op-online.de

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