Wie ein Krebsgeschwür

Offenbach (psh/dpa) - Jeder vierte Beschäftigte erhält nur Niedriglohn! Das Ergebnis einer Untersuchung des Instituts für Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen sorgt für jede Menge Zündstoff.

Experten erinnerten an eine Untersuchung des IAQ von Ende 2010, die den Trend („wie ein Krebsgeschwür“) auch für Hessen bestätigt hatte. Mitte der 1990er Jahre hatte der hessische Niedriglohnsektor noch eine Größe von zwölf Prozent. Er wächst weiter, betroffen sind vor allem Minijobs.

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Die sich ständig verfestigende Zweiteilung des Arbeitsmarktes hat eine heftige Debatte ausgelöst. Die Grünen forderten Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) auf, einen Mindestlohngesetzentwurf auf den Tisch zu legen. DGB-Vorstandsmitglied Claus Matecki erklärte, Billiglohnmodelle gehörten endlich ausgetrocknet. Gegenrede kam vom Bundesarbeitsministerium; es gebe „keine Dramatik“. Betrachte man die Zeit seit 2003, so habe der Anteil der Geringverdiener unter Schwankungen relativ konstant bei 21 Prozent verharrt, sagte Ministeriumssprecher Jens Flosdorff. Er wies darauf hin, dass es den Zuwachs vor allem in den Jahren vor 2007 gegeben habe. Zwischen 1995 und 2010 sei zudem die Zahl der Erwerbstätigen von 37,8 auf 40,6 Millionen gewachsen. Er kritisierte an der IAQ-Studie, dass neuerdings auch Studenten und Rentner einbezogen werden. Man müsse aber auf die Lohnspreizung achten, so der Sprecher. „Deswegen wäre es gut, wenn noch in dieser Legislaturperiode ein von den Tarifparteien unabhängig ausgehandelter Mindestlohn käme.“

Untere Einkommen entlasten

Matthias Schulze-Böing, Chef des Jobcenters MainArbeit in Offenbach, geht davon aus, dass die Trendumkehr unter anderem durch politische Entscheidungen erreicht werden kann. Mindestlöhne sind für ihn ein Weg, die Förderung von Vollzeittätigkeit - zum Beispiel von Frauen - durch gute Betreuungsmöglichkeiten für Kinder ein anderer. „Es ist jedoch zu beachten, dass Regelungen gefunden werden, die nicht auf Kosten der Beschäftigung gehen“, gab der Offenbacher Arbeitsmarktexperte gestern zu bedenken. Der Beschäftigungszuwachs der letzten Jahre habe auch etwas mit einer höheren Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt zu tun und der Tatsache, dass es gelungen sei, mehr Menschen mit geringen Qualifikationen als früher in Arbeit zu bringen. Deshalb sei es wichtig, zu einer ausgewogenen Lösung zu kommen. Schulze-Böing rät auch dazu, andere Wege der Entlastung von Erwerbseinkommen im Auge zu behalten. Dazu gehören für ihn die Steuern, aber auch die Sozialversicherungsbeiträge. „Hier könnte man mehr für die Entlastung unterer Einkommen tun“, meinte er. Schulze-Böings Faustformel für einen Mindestlohn: Ein alleinstehender Vollzeitbeschäftigter sollte mit seinem Gehalt auch im Rhein-Main-Gebiet mit seinen hohen Mieten ohne jede ergänzende Grundsicherungsleistungen auskommen und sich erkennbar besser stellen als ein Bezieher von Hartz-IV-Leistungen.

Im Westen viel deutlicher gestiegen

Darum geht es: Die Untersuchung des Instituts für Arbeit und Qualifikation analysierte die Entwicklung des Niedriglohnsektors seit Mitte der 90er Jahre. Zwischen 1995 und 2010 wuchs demnach die Zahl der Niedriglohnempfänger um 2,3 Millionen. Ermittelt wurden die Ergebnisse des Instituts nach eigenen Angaben auf der Basis von Daten des sozio-ökonomischen Panels, einer repräsentativen Befragung von mehr als 12.000 Privathaushalten in Deutschland. Dabei zeige sich, dass fast jeder vierte abhängig Beschäftigte im Jahr 2010 für weniger als 9,15 Euro pro Stunde arbeitete. Im Durchschnitt verdiente ein Niedriglöhner 6,68 Euro pro Stunde in West- und 6,52 Euro in Ostdeutschland. „Bezieht man Schüler, Studierende und Rentner ein, sind demnach fast acht Millionen Beschäftigte in Deutschland von Niedriglöhnen betroffen“, errechneten die IAQ-Forscher Thorsten Kalina und Claudia Weinkopf. Dass die Zahl der Niedriglohnbeschäftigten zugenommen hat, geht dabei laut IAQ fast ausschließlich auf die Entwicklung im Westen zurück: Dort stieg die Zahl der Niedriglohnbeschäftigten nach Angaben der Wissenschaftler der Uni Duisburg-Essen zwischen 1995 und 2010 um 68 Prozent, in Ostdeutschland nur um drei Prozent. Gut 2,5 Millionen Beschäftigte in Deutschland hatten demnach 2010 einen Stundenlohn von weniger als sechs Euro, 1,4 Millionen sogar weniger als fünf Euro. Vor allem Ostdeutsche, Frauen und Beschäftigte in Minijobs waren von derart geringen Gehältern betroffen. Aber auch 789.000 Vollzeitbeschäftigte verdienten im gleichen Jahr nach IAQ-Berechnungen weniger als sechs Euro pro Stunde und kamen damit auf einen Monatslohn, der mehr oder weniger deutlich unter 1 000 Euro lag. „Solche niedrigen Stundenlöhne sind auch häufig die Ursache dafür, dass das Erwerbseinkommen nicht zur Existenzsicherung reicht und aufstockende Leistungen des Staates in Anspruch genommen werden müssen“, kritisierte Weinkopf.

Quelle: op-online.de

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