Night of the Proms in der Festhalle

Wo Winnetou Napoleon trifft

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Direkt aus Ischgl, wo sie soeben die Skisaison eröffnet haben, kamen die Beach Boys in die Frankfurter Festhalle.

Frankfurt - Pierre Brice hat noch einmal die Silberbüchse ausgepackt, die napoleonische Armee marschiert in das schlimmste Desaster ihrer Geschichte, und während wir noch alle Franzosen sind, surfen die Legenden der Beach Boys weiter wacker am kalifornischen Strand. Von Peter H. Müller 

Bei der Deutschland-Premiere der Night of the Proms wird auch 2015 zusammenmontiert, was eigentlich nicht zusammengeht: Klassik, Pop, Indie-Sounds, Winnetous Lieblingsmelodei, Solidaritäts-Botschaften oder „Sommer, Sonne, Strand“-Chorgesang - die Festhalle erlebt mal wieder ein (fast) großartiges Potpourri.

Vor der Drei-Stunden-Party allerdings ist, zumindest am ersten von zwei ausverkauften Abenden, kollektives Innehalten angesagt: Von der XL-Videowand grüßt still die wehende Trikolore, mitsamt der Obama-Botschaft „Nous sommes tous Français“. Gut 8 000 Feierwillige erheben sich spontan, es gibt minutenlang stehenden Applaus und Maestro Robert Groslot muss sein formidables, 70-köpfiges Orchester „Il Novecento“ eine kurze Ewigkeit lang bremsen. In der Hallenmitte steht dann schon die Norwegerin Maria Mena, um mit den Elfen des „Scala“-Chores zu James Newton Howards „The Hanging Tree“ aus der Hollywood-Saga „Die Tribute von Panem“ für eine erste Gänsehaut zu sorgen.

Es ist in der Tat einer der eindrucksvollsten Momente einer über weite Strecken perfekt inszenierten „Klassik trifft Pop“-Oper, die sich durch 200 Jahre Musikgeschichte arbeitet. Der Proms-Cast ist für die Deutschland-Tour neu aufgestellt worden, zum ersten Mal auch ohne den sonst unverzichtbaren Chor „Fine Fleur“, den die 22 „Scala“-Mädels ersetzen: Johannes Oerding etwa ist da mit drei symphonisch getunten Songs („Alles brennt“, „Traurig aber wahr“, „Heimat“) und einer beeindruckend guten Show.

Daneben Maria Mena (u.a. „All This Time“, „I Don’t Wanna See You With Her“), die erfrischend unprätentiöse junge Dame aus dem Osloer Stadtteil Skullerud, die sich mit wunderbaren Songs und einer hinreißenden Ausstrahlung als echte Entdeckung entpuppt. Während sie es eher barfuß mag, trägt der Mann, der unangefochten den Pokal für die Überwältigungs-Stimme des Abends abräumt, neben zu kurz geratenen Jeans ziemlich exzentrische Schuhe: Tenor Fernando Varela, der auch problemlos Pop- und Dancefloor-Songs stemmt, schmettert eine „Nessun Dorma“-Version, die wohl selbst Puccini zum Jubilieren bringen würde.

Altmeister John Miles singt/spielt die unverzichtbare Proms-Hymne „Music“ und müht sich ein wenig mit Miley Cirus’ „Wrecking Ball“ - aber, alles noch richtig gut. Auch wenn man natürlich in Not geraten könnte, zu erklären, wie in Gottes Namen der „Blumenwalzer“, Tschaikowskis „Ouvertüre 1812“ (über den Russlandfeldzug Napoleons) und Winnetous Film-Schmonzetten-Thema in ein Programm passen. Egal. Bei den Proms geht das. Irgendwie. Und mittendrin in der Wundertüte dann auch noch OMD, Orchestral Manoeuvres in the Dark, will sagen: Paul Humphreys und Andy McCluskey mit 1980-er-Hits wie „Maid Of Orleans“ oder „Sailing On The Seven Seas“. Ein denkwürdiger Auftritt.

Das hatte man wohl auch im Sinn beim Engagement der als Höhepunkt avisierten Ikonen aus Kalifornien: Die legendären Beach Boys, seit 1961 aktive Methusalems der Szene, tragen Baseballmütze und Senioren-Coolness zum Hawaii-Hemd. Nur: Bei allem großen Respekt für die betagten Herren und Evergreens wie „Rhonda“ oder „I Get Around“ - „Good Vibrations“ waren gestern. Heute sind Mike Love und Co. nur noch eine nostalgisch wertvolle Kopie ihrer selbst. Schade.

Quelle: op-online.de

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