Nitribitt und Zeppelin

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Um Rosemarie Nitribitt und ihr Leben dreht sich eine der Stadtführungen.

Frankfurt ‐ Siggi Beck aus Dreieich kennt jede Ecke in Frankfurts Innenstadt. Glaubt sie. „Zumindest bin ich schon überall mal vorbeigelaufen“, ist sie sich sicher und öffnet ihren roten Regenschirm. Von Kathrin Rosendorff

Doch als sie dann gemeinsam mit einer Freundin aus Seligenstadt im dunklen Hinterhof des „Turmpalast“-Kinos in der Frankfurter Innenstadt steht und von dort das frühere Badezimmerfenster von Rosemarie Nitribitt, Deutschlands wohl bekanntester Prostituierten sieht, murmelt sie: „Hier bin jetzt aber zum ersten Mal.“ Dann erfährt sie auch noch, dass unten im Kino der Film „Das Schloss in Tirol“ lief, als das Mädchen Rosemarie ermordet wurde.

Seit Mai ein festes Führungsprogramm

Mit der Geschichte der Nitribitt und dem Gang durchs verruchte Bahnhofsviertel haben 2007 die „Frankfurter Stadtevents“ begonnen, thematische Stadtführungen, die vom Magazin „Journal Frankfurt“ veranstaltet werden. „Die ersten Führungen, die wir angeboten hatten, waren themenbezogen auf das jeweils aktuelle Heft“, erzählt Michelle Weise, Marketingleiterin der „Frankfurter Stadtevents“. Die Nachfrage war aber so groß, dass es seit Mai ein festes, 60 Themen umfassendes Führungsprogramm gibt. Bisher haben mehr als 15 000 Besucher an den Stadtführungen teilgenommen. Besonders beliebt sind die Nitribitt-, die Bahnhofs- und die Hochhaus-Führungen.

Ab 2010 soll es solche thematischen Führungen auch in Offenbach geben. Die erste Tour ist für März geplant und zwar am Offenbacher Hafen. „Wir wollen nicht die Touristen ansprechen, sondern die Menschen, die im Rhein-Main-Gebiet wohnen“, betont Weise.

Christian Setzepfandt, der in anderthalb Stunden durchs „Kuriose Frankfurt“ führt, ist 52 Jahre alt und einer von sechs Stadtführern. Er ist im Westend groß geworden und seit 32 Jahren in diesem Beruf tätig. Viele seiner Anekdoten hat er von Ur-Frankfurtern erfahren. „Wenn mich ein Thema sehr interessiert, lasse ich mich einfach zum Kaffeetrinken einladen“, sagt er und lacht. „Aber oft mischen sich auch Erinnerungen mit den Fakten. Deshalb überprüfe ich natürlich alles.“ Ansonsten liest der Kunsthistoriker drei Frankfurter Tageszeitungen und bedient sich aus der riesigen Bibliothek in seiner Wohnung.

Eschenheimer Turm - nicht Eschersheimer Turm

Es geht nicht darum, den Leuten die Baudaten des Römer runterzurattern, sondern um die Geschichten, um Hinterhöfe und Ecken, die man nicht kennt oder in die man so nicht reinkommt“, sagt Setzepfandt. Das kann die Hotelküche sein oder auch die Stadtreinigung. „Die Hauptwache lassen wir gleich mal aus“, sagt er an einem nasskalten Herbstabend zu einer 20-köpfigen Gruppe, der er gleich erzählt, woran man den echten Frankfurter schnell erkennt: „Der weiß, dass der Eschenheimer Turm nicht Eschersheimer Turm heißt.“ Unweit dieses Turms steht Frankfurts erstes Hochhaus, das heute ein Hotel ist.

Tickets für die „Frankfurter Stadtevents“ sind im Internet buchbar.

Setzepfandt verrät auch, dass Wolfgang Amadeus Mozart einst für kurze Zeit in der Stadt lebte. Bismarck tat das auch. Der Reichskanzler fand Gefallen an Frankfurt und vor allem am Ebbelwoi. „Er trank auch gerne einen Zwölfer-Bembel ganz allein,“ erzählt Setzepfandt, der auch zu berichten weiß, dass ein Metzger auf der Fressgass‘ die Zeppelin-Wurst erfand und die Damen sich früher mit dem Zeppelin-Täschchen auf Einkaufstour begaben. Die Führung endet in der Frankfurter Wallanlage, zu der es ebenfalls Kurioses zu erzählen gibt: „Alte Frankfurter kennen das hier noch als die Haschischwiese. Da war man schon stoned, wenn man nur vorbeilief...“

Quelle: op-online.de

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