Dauerkrach macht nicht ganz so krank

NORAH-Lärmstudie: Nicht gut für Psyche und Körper

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Frankfurt - Donnernde Jets, ständiges Brausen entlang von Straßen, Autobahnen und Bahntrassen – für viele ist chronischer Verkehrslärm unerträglich. Von Michael Eschenauer 

Wie krank Dauerbeschallung im Rhein-Main-Gebiet macht und welche Rolle der Frankfurter Flughafen dabei spielt, ist jetzt wissenschaftlich untersucht worden. Über mehrere Jahre und anhand von Vergleichen mit Untersuchungsgruppen an den Flughäfen Köln/Bonn und Stuttgart haben die Wissenschaftler die Wirkungen von Verkehrslärm auf Gesundheit und Lebensqualität untersucht. Ziel war es, eine wissenschaftliche Grundlage für die Diskussion über die Risiken von Fluglärm in der Rhein-Main-Region zu schaffen. Hier eine Übersicht über die Ergebnisse:

Lebensqualität

In diesem Teil der Studie geht es um die Auswirkungen eines objektiv feststellbaren Schallpegels auf das individuelle Empfinden. Um dies herauszufinden, befragten die Wissenschaftler die Menschen im Umfeld der Flughäfen und ermittelten gleichzeitig den Lärmpegel am jeweiligen Wohnort. An den Befragungen nahmen 19 000 Menschen im Rhein-Main-Gebiet und 10 000 in der Umgebung der Flughäfen Köln/Bonn und Stuttgart teil. Bei den Befragungen im Rhein-Main-Gebiet in den Jahren 2011, 2012 und 2013 stellte sich heraus, dass sich die Menschen im Jahr nach der Eröffnung der neuen Nordwest-Landebahn am stärksten durch Fluglärm gestört fühlten – und dies bei gleichem Lärmpegel. Befragte, an deren Wohnort der Lärm 2012 zugenommen hatte, fühlten sich nach der Eröffnung der Landebahn stärker gestört als Menschen, bei denen es vorher schon relativ laut war. Auch Menschen, in deren Umfeld es nachweislich nicht lauter wurde, litten 2012 stärker als zuvor.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar von Redakteur Michael Eschenauer.

Abhängig war der Effekt nach den Erkenntnissen der Wissenschaftler davon, wie die Teilnehmer persönlich mit dem Lärm umgehen konnten, was sie generell vom Luftverkehr hielten, und ob sie ein Ansteigen der Belastungen in Zukunft befürchteten. Bei einem Vergleich mit einer Studie aus dem Jahr 2005 für den Frankfurter Raum zeigte sich, dass das Gefühl der Belästigung seither deutlich zugenommen hat. Bei gleichem Dauerschallpegel fühlen sich die Anwohner heute auch stärker belastet als im Jahre 2011. Insgesamt fühlen sich die Menschen im Frankfurter Raum bei gleichem Lärm stärker belastet als im Raum Köln/Bonn oder Stuttgart. Weiteres Ergebnis: Fluglärm wird in der Region störender empfunden als Straßen- oder Schienenlärm – auch wenn die beiden letzteren Lärmquellen objektiv lauter sind.

Herz-Kreislauf- Krankheitsrisiken

Hier standen die Auswirkungen von Fluglärm auf die Krankheitsbilder Herzinfarkt, Schlaganfall, Herzschwäche (Herzinsuffizienz) im Vordergrund. Die Studie wertet die Daten von Krankenkassen aus. Grundlage sind die Akten von rund einer Million Menschen im Rhein-Main-Gebiet. Parallel wurde in dem anonymisierten Verfahren die Lärmbelastung von Straße, Schiene und Flugbetrieb am Wohnort der Teilnehmer ermittelt.

Die NORAH-Studie belegt, dass Verkehrslärm das Risiko erhöhen kann, einen Herzinfarkt, einen Schlaganfall oder eine Herzinsuffizienz zu entwickeln. Das höchste Risiko für eine Herzschwäche birgt der Schienenlärm, gefolgt vom Straßen- und Fluglärm. Auch die Dauer des Lärms könnte negative Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System haben, so die Wissenschaftler. Straßen- und Schienenlärm erhöhen zudem das Schlaganfall-Risiko. Beim Fluglärm stellte man überraschenderweise fest, dass das Schlaganfall-Risiko tendenziell eher abnimmt, je stärker die Lärm-Dauerbelastung ausfällt. Negativ beim Fluglärm wirkt sich allerdings eine extrem hohe Lärmbelastung in der Nacht aus. Beim Herzinfarkt wurde ein Zusammenhang mit Straßen- und Schienenlärm nachgewiesen. Je nach Krankheit, Art des Lärms und Personengruppe steigt bei einem Lärmzuwachs von zehn Dezibel das Krankheitsrisiko in diesem Bereich um bis zu 3,9 Prozent.

Depression

Alle drei Lärmquellen können dazu beitragen, dass eine Depression entsteht. Um 8,9 Prozent steigt das Risiko, wenn die Fluglärmbelastung um zehn Dezibel zunimmt. Beim Straßenlärm steigt das Risiko um 4,1, beim Schienenlärm um 3,9 Prozent je zehn Dezibel Zunahme.

Brustkrebs

Die Studie konnte nicht bestätigen, dass Straßen- oder Verkehrslärm zur Entstehung von Brustkrebs beitragen können. Beim Fluglärm fanden die Wissenschaftler allerdings einen geringen Zusammenhang: In der Gruppe der Personen, bei denen der Dauerschallpegel zwischen 23 und 5 Uhr über 55 Dezibel lag, traten mehr Fälle von Brustkrebs auf als erwartet. Die Wissenschaftler raten zu einer weiteren Erforschung dieses Phänomens.

Schlaf

Für die Schlafstudie wurde dreimal jeweils drei bis vier Nächte lang die Schlafqualität von Fluglärm-Betroffenen im Rhein-Main-Gebiet untersucht. Insgesamt wurden über 200 Personen in ihrer Wohnung überwacht, bei gleichzeitiger Aufzeichnung aller Geräusche in ihrer Umgebung. Die ersten Messungen fanden im Sommer 2011 statt, also vor der Einführung des Nachtflugverbots und der Eröffnung der Landebahn Nordwest. In den Sommern 2012/2013 folgen weitere Messungen.

Das Nachtflugverbot zwischen 23 und 5 Uhr habe ein wichtiges Ziel erreicht, lautet ein Fazit der Wissenschaftler. Die Anwohner des Frankfurter Flughafens wachten 2012 seltener auf als im Vorjahr, was an der geringeren Zahl der Überflüge in der Nacht gelegen habe. Allerdings wachen Menschen, die später ins Bett gehen, häufiger auf, weil ihre Schlafperiode von dem früh einsetzenden Flugverkehr mehr gestört wird als die der früher ins Bett Gehenden. Die Schlafqualität an sich wird davon jedoch nicht beeinflusst. Die untersuchten Teilnehmer wachen also weniger oft auf als früher. Allerdings führt dies nicht dazu, dass sie sich tagsüber auch besser fühlen. Von 2011 bis 2013 wurden leicht zunehmend Müdigkeit und Schläfrigkeit im Laufe des Tages zu Protokoll gegeben – unabhängig von der tatsächlichen Lärmbelastung. Menschen, die dem Flugverkehr insgesamt kritisch gegenüberstehen, schlafen schlechter als diejenigen, die das Ganze positiv bewerten. Allerdings ist unklar, ob die negative Einstellung Ursache oder Folge der Schlafprobleme ist.

Blutdruck

Für die Blutdruckstudie wurden insgesamt 844 Personen aus dem Umfeld des Frankfurter Flughafens berücksichtigt. Drei Wochen lang maßen sie – vorher geschult – morgens und abends selbst ihren Blutdruck. Diese Messungen wiederholten sie ein Jahr später. Es konnte kein statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen der Höhe des durchschnittlichen Fluglärms in der Zeit von 18 Uhr und 6 Uhr und dem Blutdruck, der Herzfrequenz und der Blutdruckamplitude (Unterschied zwischen oberem und unteren Wert der Blutdruckmessung) festgestellt werden. Gleiches gilt für den Straßen- und Schienenlärm.

Quelle: op-online.de

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