Noten für Lehrer kommen

Gießen - Die Physik-Lehrerin des Gymnasiums in Herborn kommt bei ihren Schülern nicht gut weg. Ihre Beliebtheit wird mit der Note 5,5 bewertet - auch in den Kategorien „guter Unterricht“, „motiviert“ und „menschlich“ schneidet sie bei den Bewertungen von 22 Schülern im Internet-Portal Spickmich kaum besser ab. Von Sonja Riedel (dpa)

Das Portal ist ein Problem für die Lehrer, die da schlecht wegkommen“, sagt Gymnasiallehrer und GEW-Mitglied Tobias Piniek. Denn über das Portal werden die negativen Urteile außerhalb der Schule bekannt. Der Darmstädter bildet unter dem Dach der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Hessen Lehrer im Umgang mit dem Computer fort. Piniek empfiehlt jedem Lehrer, in gewissen Abständen Bewertungszettel an die Schüler zu verteilen, in denen sie ein Feedback geben können. „Die Schüler haben sonst überhaupt keine Möglichkeit, uns Lehrern die Meinung zu sagen“, sagt er. Das will Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP) ohnehin ändern. Die hessischen Schüler sollen den Unterricht ihrer Lehrer beurteilen und so mit fortentwickeln können.

Ältere Lehrer fühlten sich, so Piniek, eher durch die Beurteilungen auf der Internet-Seite bedroht als Jüngere. Einfach, weil sie sich weniger mit dem Medium Internet auskennen. Sara-Zoi Maglaras, eine angehende Lehrerin aus Gießen, etwa schätzt die Möglichkeit für Schüler, ihre Lehrer im Internet zu bewerten. Schüler trauten sich viel eher, Bewertungen anonym im Netz abzugeben, als es den Lehrern persönlich zu sagen, ist die 23 Jahre alte Studentin überzeugt. Negative Bewertungen der Schüler in Kategorien wie „cool“ oder „beliebt“ findet die Lehramtsstudentin dabei nicht schlimm. „Da muss man drüber stehen.“ Lehrer benoteten ihre Schüler ja auch ständig.

Die Angst vor Mobbing in dem Portal hält der Informatik-Lehrer Piniek auch für unbegründet. Lehrer könnten nur nach bestimmten Kategorien bewertet werden; eine ausführliche Diskussion über die Pädagogen wie in sozialen Internet-Netzwerken sei nicht möglich. „Die Benotung basiert auch nicht auf Einzelmeinungen.“ Denn: Erst mit der zehnten Bewertung wird die Note angezeigt. Die Schüler können ihre Lehrer auch in Fächern wie „gut vorbereitet“, „vorbildliches Auftreten“ und „fachlich kompetent“ bewerten. Für Eigenschaften wie „cool“ und „witzig“ gibt es ebenfalls Noten.   Dabei sind sehr schlechte Bewertungen von Lehrern, wie die der Physiklehrerin oder einer Lehrerin aus Nordrhein-Westfalen, die kürzlich vor dem Bundesgerichtshof mit ihrem Begehren gescheitert war, ihren Notendurchschnitt von 4,3 aus dem Portal löschen zu lassen, eher selten. 99.800 Schüler aus Hessen sind derzeit nach Angaben des Betreibers bei Spickmich registriert. 38.400 Lehrer aus 1900 Schulen des Bundeslandes finden sich in den Portal.

Spickmich ist eine Plattform ohne Rückmeldung für die Lehrer“, sagt der Landesvorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), Helmut Deckert. Problematisch sei nicht die Bewertung der Pädagogen, sondern dass diese nur durch Zufall von ihrer Benotung erfahren. „Die Bewertungen laufen dann ins Leere“, sagt Deckert. Damit ein umstrittener Lehrer ein Feedback bekomme, sollten sich die Schüler an ihren Klassensprecher wenden, damit dieser im Falle deutlich negativer Bewertungen den Pädagogen oder einen Vertrauenslehrer anspreche.

Quelle: op-online.de

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