Notruf aus den Kliniken

Offenbach - Es könnte bald zu knallharten Auseinandersetzungen an den Kliniken kommen: Sie sehen sich von den geplanten Einsparungen bei der Gesundheitsreform völlig überfordert und laufen Sturm gegen das Vorgehen der Bundesregierung. Von Peter Schulte-Holtey

Nach Schätzung der Deutschen Krankenhausgesellschaft werden den Kliniken bundesweit 2011 und 2012 Einnahmen von bis zu zwei Milliarden Euro fehlen - trotz steigender Patientenzahlen, sollte sich Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler mit seinem Vorhaben durchsetzen. „Für Hessen würde allein dies einen Fehlbetrag von etwa 152 Millionen Euro bedeuten, der dem Gegenwert einer Gehaltssumme von rund 1 900 Krankenhausbeschäftigten entspricht“, warnt die Hessische Krankenhausgesellschaft und schließt Auswirkungen auf die Patientenversorgung, den Abbau von Arbeitsplätzen und das Aus weiterer Krankenhäuser im Bundesland nicht aus.

Weitere Abstriche in der Pflegequalität befürchtet

Auch der sozialpolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion und Gesundheitsexperte Thomas Spies rechnet mit einer Verschlechterung, vor allem mit weiteren Abstrichen bei der Pflegequalität. Er forderte die Landesregierung auf, den Kürzungsplänen entgegenzutreten. „Personalmangel gefährdet Patienten“, so Spies. Seit 1994 sei die Zahl der Pflegekräfte um 14 Prozent zurückgegangen, während die Zahl der Krankenhausbehandlungen um 17 Prozent zunahm, bei höherer Arbeitsintensität pro Fall. „Realistisch ist eine Zunahme der Belastung von einem Drittel für Schwestern und Pfleger“, erklärte Spies.

Fusionspläne auf Eis gelegt

Mit Argusaugen werden auch die Verantwortlichen an den kommunalen Kliniken in Hanau und Offenbach die Debatte übers Sparpaket verfolgen. Weitere Millionenbeträge könnten auf beide Häuser zukommen. Für Aufregung hatte bereits im Mai eine Studie der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young gesorgt. Demnach können immer weniger klamme Städte und Gemeinden wegen sinkender Steuereinnahmen die Defizite ihrer Krankenhäuser ausgleichen und müssten sie zusammenlegen oder verkaufen. Pläne für einen Zusammenschluss des Offenbacher Klinikums und der Wiesbadener Dr.-Horst-Schmidt-Kliniken (HSK) gibt es bereits. In Hanau wurden zuletzt alle Fusionspläne auf Eis gelegt. Dabei sind die Prognosen von Ernst & Young alarmierend: Die Kosten im Krankenhausbereich seien seit 2000 um mehr als 20 Prozent gestiegen. „Und dieser Trend wird auch in den kommenden Jahren anhalten“, heißt es in der Mitteilung der Prüfer.

Koalition beschränkt sich auf Kostendämpfung

Experten äußerten sich jetzt auf Anfrage unserer Zeitung zu den Reformplänen. So stellte der Essener Gesundheitsökonom Jürgen Wasem fest: „Wir haben bei den Krankenhäusern insgesamt Überkapazitäten. Wir haben im europäischen Vergleich eine sehr hohe Bettendichte. Gleichzeitig steht nahezu jedes vierte Krankenhausbett leer. Daher ist es bedauerlich, dass die Koalition sich nicht an die eigentlichen Probleme herantraut - und z. B. über bessere Vertragsmöglichkeiten der Krankenkassen mit den Krankenhäusern die Überkapazitäten angeht. Statt dessen beschränkt sie sich auf kurzfristige Kostendämpfung.“

BRD bei stationärer Versorgung auf Spitzenplatz

Stefan Etgeton, Fachmann beim Bundesverband der Verbraucherzentralen, macht darauf aufmerksam, dass die Ausgaben für Krankenhäuser mit 55 Milliarden Euro den größten Kostenkomplex im Gesundheitssystem darstellen. Der entscheidende Hebel bei der Kostenentwicklung liegt für ihn in der Vermeidung von Krankenhauseinweisungen: „Im internationalen Vergleich nimmt Deutschland hinsichtlich der stationären Versorgung bei allen relevanten Kennziffern einen Spitzenplatz ein.“ Der Gesundheitsexperte erinnert auch daran, dass ein Forschungsbericht fürs Bundesfinanzministerium 2009 zu der Schlussfolgerung gekommen sei, „dass die Effizienz in der stationären Versorgung gesteigert werden kann, u.a. wenn die Krankenhausinvestitionen zukünftig stärker leistungsorientiert finanziert werden und „Voraussetzungen geschaffen werden, damit sich vorhandene Überkapazitäten im Krankenhausbereich - auf die es deutliche Hinweise gibt - reduzieren und eine stärkere Arbeitsteilung und Spezialisierung nicht gehemmt werden“.

Maßnahmen zur Prävention und Gesundheitsförderung

Nach Angaben von Etgeton greifen die derzeit geplanten Kostendämpfungsmaßnahmen diese strukturellen Vorschläge jedoch nicht auf. Sein Appell: „Angesichts der demografischen Entwicklung wird die Vermeidung von unnötigen Krankenhauseinweisungen eine der entscheidenden Stellgrößen für die Wirtschaftlichkeit des Gesundheitswesens der Zukunft sein.“ Nur mit gezielten Maßnahmen der Prävention und Gesundheitsförderung, zunächst bei der Verzögerung verschlimmerter Verläufe, aber auch bei der Vermeidung von zusätzlichen Erkrankungen, könne auf eine Verringerung des „stationären Behandlungsbedarfs hingewirkt werden“.

Quelle: op-online.de

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