„Behörden sollen endlich Transparenz herstellen“

Rechtsanwalt Alexander Kienzle vertritt Familie Yozgat.

Wiesbaden - Hat Hessens Verfassungsschutz im Jahr 2006 die Aufklärung des NSU-Mordes in Kassel behindert? Davon ist der Anwalt der Opfer-Familie Yozgat überzeugt. Er kritisiert im Interview mit dpa auch das Verhalten des damaligen Innenministers Volker Bouffier (CDU).

Was erwartet die Familie Yozgat vom Untersuchungsausschuss in Hessen?

Die Familie Yozgat hat bei den Ermittlungen von Beginn an mit den Behörden voll kooperiert, obwohl sie selbst zunächst in Verdacht geriet. Jetzt erwartet die Familie, dass auch die Behörden endlich Transparenz herstellen.

Ein Mitarbeiter des Verfassungsschutzes war damals am Tatort, will aber nichts von den Schüssen bemerkt haben.

Wir haben beim NSU-Prozess in München denkwürdige Auftritte von hessischen Verfassungsschützern erlebt. Sie gaben massive Erinnerungslücken an. Der damalige Außenstellenleiter des Landesamts für Verfassungsschutz konnte sich nicht an Telefonate erinnern, die er mit dem Beschuldigten Andreas T. nach der Tat führte. Das befremdet die Familie zutiefst.

Man hat den Eindruck, dass der hessische Verfassungsschutz die Ermittlungen ausbremsen wollte. Aber wieso?

Dies bleibt weiter spekulativ. Es gibt Hinweise, dass Andreas T. bis heute geschützt werden soll. Außerdem galt die Amtsräson und das Prinzip, dass der Quellenschutz der Behörden wichtiger ist als die Aufklärung eines Mordfalls. Das hat die hessische Politik damals abgesegnet - und sie ist bis heute nicht davon abgewichen.

Sie spielen auf den damaligen Innenminister und heutigen Regierungs-Chef Volker Bouffier an. Wäre es anders gelaufen, wenn er nicht Quellenschutz verfügt hätte?

Mit Sicherheit. Als Beispiel: Andreas T. hat zwanzig Minuten vor der Tat mit einer seiner Quellen aus dem rechtsextremen Spektrum zwölf Minuten lang telefoniert. Unmittelbar danach ist T. ins Internet-Café an den späteren Tatort gefahren. Erst 2012 wurde dieses Telefonat im Rahmen der erweiterten Ermittlungen durch das Bundeskriminalamt bekannt. Weder T. noch der V-Mann konnten sich dann an Details dieses Gesprächs erinnern. Sechs Jahre früher hätten sie sich nicht so einfach rausreden können.

Warum soll nun ausgerechnet der hessische U-Ausschuss Neues zutage fördern?

Die Widersprüche haben im Laufe der Jahre zugenommen. Die damaligen Kasseler Ermittler gehen heute noch davon aus, dass es nur zwei Erklärungen für das Verhalten von T. gibt: Entweder hat er am Tatort was gesehen und sagt es nicht - aus welchen Gründen auch immer. Oder er war selbst in die Tat verstrickt. Trotz allem hält Hessens Verfassungsschutz immer noch Akten zurück und erklärt sie zur Geheimsache. Der Wiesbadener U-Ausschuss hat jetzt die Chance, darauf zuzugreifen.

Gedenken an hessisches NSU-Opfer

Gedenken an hessisches NSU-Opfer

(dpa)

Quelle: op-online.de

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