NSU-Mord in Kassel

Verfassungsschutz schützte verdächtigen Mitarbeiter

Wiesbaden - Verfassungsschützer Temme hat eine unklare Rolle im Zusammenhang mit dem NSU-Mord in Kassel gespielt. Für den Verfassungsschutz blieb er aber ein Kollege - obwohl er zum Mordzeitpunkt an einem Tatort war.

Nach dem Mord am Internet-Café-Besitzer Halit Yozgat in Kassel im April 2006 hat Hessens Verfassungsschutz einen tatverdächtigen Mitarbeiter in Schutz genommen. Der vom Dienst damals suspendierte Andreas Temme sei weiter als "Kollege" behandelt worden, sagte der damalige Leiter der Kasseler Außenstelle, Frank-Ulrich Fehling (72), am Montag im NSU-Ausschuss in Wiesbaden. Dies sei die Anweisung aus der Wiesbadener Zentrale des Landesamts für Verfassungsschutz gewesen. Dort habe Temme, der als sehr guter Mitarbeiter galt, "ein Stein im Brett" gehabt.

Bei den tödlichen Schüssen auf Yozgat - der Mord wurde erst fünf Jahre später dem rechtsterroristischen NSU-Trio zugerechnet - war Temme am Tatort. Nach eigenen Angaben war er privat im Internet in Flirt-Portalen unterwegs. Von der Tat will er nichts bemerkt haben. Temme wurde von der Polizei erst zwei Wochen nach den Schüssen ausfindig gemacht und vorübergehend festgenommen. Die Ermittlungen wurden später eingestellt. Der NSU-Ausschuss geht jedoch der Frage nach, ob Temme oder von ihm geführte V-Leute an der Tat möglicherweise in einer Form beteiligt waren oder früh schon mehr davon wussten.

Alles zum NSU-Untersuchungsausschuss

Er sei "maßlos enttäuscht" gewesen, dass sein Mitarbeiter ihn damals belogen habe, sagte Fehling. Als er ihn kurz nach der Tat gefragt habe, ob er das Internet-Café kenne, habe Temme das verneint. Dass dieser sich zwei Wochen lang nach der Tat nicht freiwillig bei der Polizei meldete, erklärte Fehling mit Scham. Temme sei frisch verheiratet gewesen und habe seine Online-Bekanntschaften verheimlichen wollen.

Temme habe damals auch eine Vielzahl dienstrechtlicher Fehler begangen, räumte Fehling ein. Neben dem Besuch des Internet-Cafés hätte Temme auf keinen Fall eine Waffe im Büro haben dürfen. Diese hatte die Polizei bei der Durchsuchung gefunden. Verfassungsschützer haben keine Waffe, wie Fehling bestätigte. Den Besitz der Waffe hatte Temme mit der Mitgliedschaft im Schützenverein erklärt.

Anwalt: Zschäpe will am Mittwoch umfassend aussagen

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © dpa

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion