Wie die Nudel den Wahn heilt

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Willkommen in der schönen Welt von Hartz IV! Martina Franke und Mario Pisacane begrüßen ihre Schüler in der Schalterhalle des Jobcenter-West in Frankfurt. Zunächst geht es darum, die Anmeldebögen auszufüllen, dann folgt ein mehrstündiger Hindernislauf durch diverse Amtsstuben. Der Weg zur Stütze ist mit grauem Behördenpapier gepflastert.

Frankfurt/Rhein-Main - Können stickige Büroluft, Papierkrieg, Aldi-Tomatensoße, Spaghetti und „Ja“- Bierwurst Krankheiten heilen? Ein Schulprojekt der Bürgermeister-Grimm-Schule im Frankfurter Problemviertel Gallus hat jetzt den Beweis erbracht: Ja, die Sache funktioniert. Von Michael Eschenauer

Zumindest hat die in Jugendkreisen verbreitete Wahnvorstellung, man könne mit Hartz IV ein leichtes und bequemes Leben führen, durch Bürokratieschock und Billig-Fraß eine deutliche Linderung erfahren.

Oh Maaan, das ist voll öde, wenn du kein Geld hast! Kein Haargel, kein Burger King, kein Kino. Keine Freunde. Du sitzt zu Hause rum und das war‘s. Ich mag keine Spaghetti mit Tomatensoße, ich werd‘ Fliesenleger.“ So etwa sieht die Beerdigung erster Klasse für Hartz-IV-Illusionen aus - Kevin ist geheilt.

Lesen Sie hierzu auch den Kommentarvon Michael Eschenauer

Es ist ein erfrischendes Projekt über das Leben an sich und fern aller Theorie, das die Klasse 8 in dieser Woche durchläuft. Unter der Leitung von Martina Franke (Lehrerin) und Mario Pisacane (Sozialpädagoge) werden die 14 jungen Förderschüler mit Situationen im Leben eines Hartz-IV-Empfängers konfrontiert. Am ersten Tag müssen sie mit dem offiziellen Tagessatz von 2,60 Euro pro Person für Lebensmittel auskommen. Am zweiten (die billigen Spaghetti mit Soße sind kaum verdaut) die Hilfe für Arme selbst beim Jobcenter beantragen. Am dritten geht es nach „Neufundland“, das ist ein Gebrauchtwaren-Kaufhaus für Menschen mit wenig Geld. Außerdem stehen eine Straßenumfrage zum Image von Sozialhilfeempfängern und der Besuch einer Essen- und Kleiderausgabestelle auf dem Programm.

Es ist 9.10 Uhr. Im Erdgeschoss des Jobcenter-West in der Hersfelderstraße liegen die Nerven blank. „Was machen die eigentlich da drin. Ich kann das nicht!“, fragt Valentina leicht panisch und rutscht auf ihrem Stuhl herum. Nebenan brüten die Mitschüler über grauem Behördenpapier. „Ganz ruhig, mein Schatz, du kannst mehr als du denkst“, tröstet Martina Franke und tätschelt der 14-Jährigen die Schulter.

„Die Kinder sind ängstlich“

Doch Valentinas Lampenfieber hat einen Grund. Drinnen kommen die jungen Leute vor dem Schreibtisch der Sachbearbeiterin nämlich schon bei so einfachen Fragen wie der nach dem Schulabschluss, der Dauer des Schulbesuchs, dem Beginn der Arbeitslosigkeit oder dem beruflichen Werdegang ins Schwitzen. Unsicheres Grinsen, Schulterzucken - und das hier ist ja nur die Vorprüfung. Der echte Hartz-IV-Antrag, das vielseitige Monstrum, es hört auf den Namen „Antrag auf Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts nach dem Zweiten Buch Sozialgesetzbuch (SGB II) - Arbeitslosengeld II/Sozialgeld-  “ wartet schon bei der Station im 3.  Stock.

Die sind schon sehr unsicher“, lächelt die junge Dame von der Jobvermittlung. Minuten später verlässt Valentina das Büro mit etwa zehn raschelnden Formblättern. Der Kugelschreiber fällt runter. Das Mädchen verdreht die Augen. „Die Kinder sind gerade etwas ängstlich“, sagt Franke. Vor ihr hockt „Dieter Bohlen“ mit der Wartenummer 704 auf dem blauen Linoleumboden. Der 13-jähige Josia - so heißt Dieter Bohlen außerhalb des Jobcenters - braucht etwas länger mit seinen Formularen. Bäcker will er werden. Der Junge mit einer deutschen Mutter und einem mazedonischen Vater, die Eltern sind geschieden, möchte arbeiten nach der Schule - und das „unbedingt“. Nach der Vorprüfung der Unterlagen muss er den Personalbogen ausfüllen. Danach folgen Fallaufnahme, Prüfung des Antrags, Ausfüllen des Antrags und ein Gespräch mit einem Job-Berater.

Wer zu spät kommt, steht alleine in der Schlange

Es ist nicht nur der Stress mit dem Papierkram. Das Geländespiel läuft in Echtzeit und unter Realbedingungen: Die Förderschüler, früher nannte man sie Sonderschüler, die im Rahmen eines speziellen Förderprojekts (Schub) im nächsten Jahr den Hauptschulabschluss machen sollen, werden durchweg mit „Sie“ angeredet. Wer die vorher im Unterricht durchgesprochenen Unterlagen vergessen hat, muss nach Hause und sie beischaffen. Wer zu spät kommt, steht alleine in der Schlange vor den diversen Schaltern. Es gibt keinen Kiosk, keine Limo-Automaten und neben den 13- bis 15-Jährigen warten „echte“ Bedürftige. Ein paar Meter weiter beklagt sich ein Kunde, er habe seit gestern kein Geld mehr für Essen, weil die Zahlungen ausgeblieben sind. Eine Blondine auf hohen Absätzen klappert vorüber. „Das sind alles Asoziale hier. Ich bin froh, dass ich das nicht ertragen muss.“

Zwar sind alle Daten der Schüler und Schülerinnen fiktiv, das Ausfüllen macht das aber auch nicht leichter. Und so schwitzen „Christina Aguillera“, „Dieter Bohlen“ und „Cristiano Ronaldo“ über „Anmeldebögen“, „Einlegeblättern zum Merkblatt SGB II“, der „Anlage VM zur Festlegung der Vermögensverhältnisse“ und dem „Merkblatt für Anträge zur Befreiung von der Rundfunkgebührenpflicht“. Sie kramen zwischen Personalausweiskopien, Mietverträgen, Sparkonto-Auszügen, AOK-Karten und Meldebescheinigungen. Willkommen in der wunderbaren Welt von Hartz IV. „Wir spielen hier nur den ganz normalen Kundenpfad durch“, sagt Wolfgang Fixemer von der Jobagentur und lächelt.

Viele haben keine Ahnung, woher das Geld kommt

Mit „Hartz IV in der Schule“, so der Name des Unterrichtsblocks, reagieren die beiden Frankfurter Pädagogen auf einen Notstand: „Die Kinder hier stammen zum Teil aus Familien, wo sie die einzigen sind, die überhaupt morgens aufstehen und einer Tätigkeit nachgehen“, sagt Pisacane. Hier seien Frust und Verweigerungshaltung weit verbreitet. Oft seien die Schüler schon die dritte Generation, die nur mit Hilfe der Sozialbehörden Essen und Dach über dem Kopf habe. Migrationshintergrund überwiege, ebenso die Philosophie: „Ich muss nichts lernen, ich mach‘ Hartz IV.“ Bei einer Umfrage, von welchem Geld ihre Familien lebten, nannten die Schüler Arbeitsamt, Rente, Unterhalt, Kindergeld und Schwarzgeld. An letzter Stelle stand „Lohn/Gehalt“.

Viele, ergänzt Franke, hätten zwar gute Kleider und iPod, aber keine Ahnung, woher das Geld komme. Sie stammten zum großen Teil aus zerrütteten Verhältnissen oder hätten Schlimmes in Krisengebieten durchlitten. „Die haben zum Teil das Zeug zur Realschule oder mehr. Aber es interessiert sich niemand für sie“, so die Lehrerin.

Wir dachten: Na gut, zeigen wir ihnen doch mal, wie schön einfach die Hartz-IV-Welt ist“, sagt Pisacane. Ziel sei es, den Jungen und Mädchen über einen heilsamen Schock die Kraft zum Kämpfen wiederzugeben. „Die müssen erkennen, ich kann mein Leben in den Griff bekommen. Es ist besser, Ausbildung und Arbeit zu suchen, als für das bisschen Geld so viel Stress und Kontrolle zu ertragen.“ Der Schock in den Supermärkten am Vortag sei mit Händen greifbar gewesen. Wenn die Fertig-Pizza zu 1,90 Euro die Einkaufsplanung sprengt, hört der Spaß auf.

Fazit: Es ist besser zu arbeiten

Bei „Sandy Cheese“ beziehungsweise Debora hat die Therapie gewirkt. „Das ist wirklich blöd, wenn man nur auf die Preise gucken muss, und was billig ist, schmeckt auch nicht.“ Fazit: Sie wird sich bemühen, dass es nächstes Jahr was wird mit einer Friseurinnen-Ausbildung. Auch ihrer Freundin Angela ist klar: „Es ist besser zu arbeiten, als so etwas durchstehen zu müssen.“ Und Abdullah, der Koch oder Automechaniker werden möchte, gibt zu, dass auch er Leute kennt, „die denken, Hartz IV ist cool: Ich sitz‘ rum, tu‘ nix und krieg‘ 400 bis 500 Euro.“ Seinen Kumpel, Künstlername „Zlatan Ibrahimovic“, hat besonders geschockt, „dass man sich schon eine Erlaubnis holen muss, wenn man nur in Urlaub fliegen will“. Außerdem beeindruckt ihn das Sanktionssystem der Sozialbehörden bei versäumten Terminen, das bis zu 30 Prozent der Versorgungsansprüche kosten kann. „Ich hab‘ auch so ein paar Freunde, die von Hartz IV leben wollen. Aber die wissen ja nicht, von was sie reden.“

Am Ende des Tages wartet ein letztes Formular auf die Förderschüler. Sie sollen „reflektieren“, wie sie sich in der Job-Agentur in den Warteschlangen, beim Beantragen von Hartz IV, bei den Gesprächen mit den Beratern und bei den diversen Kontrollen gefühlt haben. Zwei Fragen sind die wichtigsten. Sie lauten: „Möchtest Du so leben?“ und „Welche Alternative zu Hartz IV kannst du nennen?“ In der von den Schülern ausgefüllten Spalte sind es die Worte „Nein“ und „Arbeit“, die am häufigsten vorkommen.

Es ist früher Nachmittag in der Schalterhalle des Jobcenter-West. Martina Franke und Mario Pisacane sind zufrieden. „Ziel erreicht. Bis morgen dann“, sagen sie und schütteln jedem ihrer Schüler die Hand.

Quelle: op-online.de

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