Ab morgen im Museum

Fotografien von Claudia Andujar im MMK Frankfurt

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Claudia Andujar fotografierte Yanomami für die Serien „Marcados“ (1981–1983) – sie markierte die Menschen für eine Impfkampagne mit Nummern.

Frankfurt - Das Frankfurter Museum für Moderne Kunst (MMK) widmet der Fotografin Claudia Andujar ab morgen eine umfangreiche Ausstellung. Die Schweizerin lebt in Brasilien – ihre Bilder dokumentieren das urbane Leben und die politischen Konflikte eines oft zerrissenen Landes. Von Eugen El

Diese Farben! In sattem Magenta erstrahlt ein Waldstück auf dem Foto „Urihi-a“ von 1974, das Claudia Andujar mit einer Wärmebildkamera aus einem Hubschrauber aufgenommen hat. Inmitten des Waldstücks sieht der Betrachter eine runde Behausung der Yanomami, eines indigenen Volkes, das im Amazonasgebiet im Norden Brasiliens lebt. Seit Beginn der 1970er Jahre engagiert sich Andujar für diese Menschen. Einige Jahre lebte die heute 85-Jährige sogar mit ihnen. Ihr Einsatz gipfelte Anfang der 1980er in einer Impfkampagne. Sie sollte die Volksgruppe vor Krankheiten schützen, die von Goldminenarbeitern eingeschleppt wurden. Für diese Kampagne porträtierte Andujar zahlreiche Yanomami. Die dokumentarischen Schwarz-Weiß-Aufnahmen sind das Herzstück der sehenswerten MMK-Schau.

„Marcados“ („Markiert“) heißt die Serie. Den Porträtierten wurden zwecks Identifizierung für den Impfausweis Nummern um den Hals gehängt. Denn: „Die Yanomami tragen kulturell bedingt keine Namen“, erklärt der stellvertretende MMK-Direktor Peter Gorschlüter. Andujar hat zu dieser Markierung eine biografische Verbindung. Ihre jüdische Familie väterlicherseits kam im Holocaust um. „Das waren für mich die für den Tod Markierten. Was ich versucht habe mit den Yanomami zu machen, war, sie für das Leben, für das Überleben zu markieren“, sagt die Künstlerin. Mitte der 1970er Jahre sammelte Andujar mythologische Gedichte der Yanomami, die sie übersetzen ließ und in einem Buch publizierte. Zudem bat sie die Yanomami, Zeichnungen anzufertigen. Üblicherweise bemalen diese bloß ihre Körper. Fünf der lakonischen Papierzeichnungen sowie einige reproduzierte Buchseiten sind im MMK zu sehen.

Claudia Andujar

Neben der Natur begleitet Andujar auch das städtische Leben Brasiliens. Für die 1970 entstandene Serie „Rua Direita“ setzte sich die Künstlerin auf eine belebte Straße in São Paulo und fotografierte Passanten. Die aus extremer Untersicht aufgenommenen Bilder dokumentieren verwunderte Blicke. Die ältesten Aufnahmen stammen aus dem Jahr 1964. Sie zeigen Massendemonstrationen gegen den damaligen, linksgerichteten Präsidenten Brasiliens. Den Titel der Ausstellung hat Andujar mit Blick auf die Vergangenheit und die jüngsten politischen Umbrüche gewählt: „Morgen darf nicht gestern sein“.

Eine Besonderheit der Schau ist die Präsentation einiger Fotografien auf „Cavaletes“, in Betonsockeln fixierten Glasdisplays. Sie stehen frei im Raum und sorgen für einen Dialog zwischen den Bildern. Auf solchen Displays begegnet der Besucher etwaw einer Serien aus dem Jahr 2010, die junge Yanomami-Männer zeigt. Die Porträtierten tragen keine traditionelle, sondern industriell gefertigte Kleidung. So gelingt es dieser Ausstellung, einen weiten zeitlichen Bogen zu spannen und eine in Deutschland wenig bekannte Fotografin angemessen vorzustellen.

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„Morgen darf nicht gestern sein“, Claudia Andujar, ab morgen bis 25. Juni, MMK 1, Domstraße 10 Frankfurt, Di.-So. 10-18, Mi. 10-20 Uhr.

 

Quelle: op-online.de

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