„Wo ist mein Rettungspaket?“

Frankfurt - Nach der Demonstration ist vor dem Protest: Zahlreiche Menschen, die gestern bei der Kundgebung gegen die Willkür der Finanzmärkte mitgemacht haben, wollen auch weiter protestieren. Einige campierten heute Nacht vor der EZB.

Die Protestwelle gegen die Finanzmärkte hat Deutschland erreicht. Zehntausende demonstrieren bundesweit. In der Bankenstadt Frankfurt wollen einige den Protest ausdehnen und haben die Nacht in Zelten verbracht. Sie sind gekommen, um zu bleiben. „So lange es nötig ist.“ 

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„Wo ist mein Rettungspaket Frau Merkel?“, fragt eine Frau auf einem schwarz-rot bepinselten Pappschild. Die 27-Jährige schiebt sich durch die Protestmenge vor der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt. Rund 5000 Menschen demonstrieren dort gegen die Macht der Finanzmärkte. Mit Plakaten, Spruchbändern und Trommelwirbel ziehen sie durch die Häuserschluchten. Wie an der New Yorker Wall Street weiten einige ihren Protest aus und campen vor dem symbolträchtigen Ort in der Bankenmetropole. Die Beamten zählen rund 40 Zelte vor dem Gebäude und einer nahen Parkanlage. Etwa 70 Leute hätten die Nacht dort verbracht. Die Demonstranten sprechen von rund dreimal so vielen Teilnehmern. Es habe keine Zwischenfälle gegeben, die Atmosphäre sei friedlich.

Bilder von den Protesten in Frankfurt

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Anders als in Berlin, wo die Polizei am Samstagabend vor dem Reichstag aufgebaute Zelte wieder abräumte, ist das Protest-Camp in Frankfurt bis Mittwoch 15 Uhr genehmigt. Die Demonstranten sind aber gewillt, länger zu bleiben: „Wir sitzen das aus, solange es nötig ist. Es ist allen wichtig hierzubleiben. Einige wollen nach der Arbeit wiederkommen“, sagt ein Demonstrant. Der 19-jährige Frankfurter hat auf etwas Pappe mit Klamotten in einem Schlafsack genächtigt. „Die Stimmung ist super, ein tolles Miteinander“, sagt er und freut sich, Teil einer weltweiten Bewegung zu sein. Wie die Leute in New York.

Am Tag zuvor empört sich bei der Demo vor der EZB eine junge Frau: „Es kann einfach nicht sein, dass Banken gerettet werden mit Milliarden, die wir an anderen Stellen brauchen.“ Neben ihr reckt ein Mann den Spruch „Wir sind die 99 Prozent“ den Wolkenkratzern entgegen, den Slogan der US-Proteste in Anspielung auf Amerikas reichstes Prozent der Bevölkerung.

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Seit der Finanzkrise seien nur „hohle Sprüchen und Mist“ rübergekommen. „Wenn die Politiker nicht begreifen wollen, wo es langgeht, dann müssen eben die 99 Prozent auf die Straße“, findet der 40-Jährige. Die Welle der Empörung hat nach den Protesten in Spanien, Griechenland, Israel und den USA nun auch Deutschland erreicht. Bundesweit sind am Samstag nach Angaben der Globalisierungskritiker und Mitorganisatoren von Attac etwa 40.000 Demonstranten auf den Straßen. Sie rufen am Sonntag dazu auf, die Proteste fortzusetzen. „Die Leute haben begriffen, dass wir durch Einigkeit stark sind“, sagt Wolfram Siener von der Bewegung „Occupy Frankfurt“. Vorbild ist die Aktion „Occupy Wall Street“ („Besetzt die Wall Street“), die sich gegen das Finanzsystem und große Teile der Bankenwelt wendet.

Seit knapp einem Monat campieren Aktivisten im New Yorker Finanzdistrikt. In Frankfurt sind Plakatparolen wie „Ihr spekuliert mit unserem Leben“, „Ihr verzockt unsere Zukunft“ und „Schranken für Banken“ zu sehen. Zu dem friedlichen Protest aufgerufen haben verschiedene Bündnisse, auch die Hacker der Gruppe „Anonymous“. „Worin wir uns einig sind: Die Macht des Geldes und der Banken muss gebrochen werden“, fordert Siener. Einige Anhänger oder Sympathisanten von „Anonymous“ tragen Guy-Fawkes-Masken. Der britische Anarchist versuchte 1605, das englische Parlament zu sprengen, wurde gefasst und hingerichtet.

dpa

Quelle: op-online.de

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