Nicht problemfrei, aber mit Potential 

Offenbach als „Brooklyn Frankfurts“

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Wie sollen Frankfurt und Offenbach zusammenwachsen? Stadtplaner entwickelten hierfür den Begriff „Offenbach Block“ Er nimmt sich die Struktur des Nordends zum Vorbild und soll - hier rot markiert - in die Randbereiche Offenbachs hineinwachsen “

Offenbach - Kennen Sie Brooklyn, jenen 2,6 Millionen Einwohner großen Stadtteil von New York? Es gibt ein paar Stadtplaner, die glauben, Offenbach sei wie Brooklyn: Eine multikulturelle, nicht gerade problemfreie Gegend, aber dafür mit Potential, aus dem Frankfurt Energie schöpft. Von Michael Eschenauer 

Aus dieser Idee sollen nun Funken geschlagen werden. Es geht um etwas ganz Großes: das Zusammenwachsen von Rhein-Main. Entfachen wollen das Leuchtfeuer für die regionale Idee der Stiftungsprofessor an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach, Kai Vöckler, und die Offenbacher Architektin Stephanie Wellnitz. Bühne soll der Architektursommer Rhein-Main 2014/15 (ASRM) sein. Bereits 2011 gab es eine derartige Veranstaltung. Nun geht das gemeinsame Vorhaben von Darmstadt, Frankfurt, Offenbach und Wiesbaden/Mainz in die zweite Runde. Während Darmstadt mit seinem „Osthang-Projekt“ für die Mathildenhöhe in diesem Jahr vorprescht, folgt 2015 in einer zweiten Phase das Triumvirat Offenbach, Frankfurt und Wiesbaden mit zwei eigenen Projekten. Für 2018 ist dann ein gemeinsamer Architektursommer aller beteiligten Städte geplant.

Es geht um die Suche nach neuen Leitmotiven für die Metropolregion und ihre 5,6 Millionen Einwohner. Im Sommer 2015 sollen die besten architektonischen und städtebaulichen Vorschläge als „ASRM-Expo“ bei einer Reihe von Veranstaltungen den Menschen außerhalb der Architekten- und Stadtplaner-Szene vorgestellt werden. Acht renommierte Architekturbüros haben mit einer Anschubfinanzierung des Kulturfonds Frankfurt RheinMain unter dem Arbeitstitel „Region im Fluss“ Visionen für zwei bislang vernachlässigte Randgebiete der Metropolregion entwickelt. Die kreative Energie von je vier Teams richtete sich auf die „Maaraue“ zwischen Wiesbaden und Mainz und das Kaiserleigebiet zwischen Frankfurt und Offenbach. Es war übrigens das Istanbuler Büro „Superpool“, das die Idee des „Offenbacher Brooklyn“ ausgebrütet hat.

Ziel: eine Debatte ankurbeln

„Es geht nicht nur darum, am Beispiel des Randgebiets zwischen Frankfurt und Offenbach Ideen und Konzepte zu entwickeln, wie die Region besser zusammenwachsen könnte, es geht auch darum, sich zu überlegen, wie diese Ideen der Bevölkerung vermittelt werden können und wie sich eine Debatte darüber ankurbeln lässt“, sagt Vöckler. Er ist Sprecher der Vereine „Architektursommer Frankfurt/Offenbach“ und „Wiesbadener Architektursommer“. Der Professor räumt ein, dass der Architektursommer 2011 konzeptionelle Mängel hatte. Die Projekte seien zu zahlreich und zu zerfasert gewesen. Bei künftigen Aktionen werde man thematisch und räumlich konzentrierter arbeiten.

Der neue Gedankensturm finde zunächst ohne Rücksicht auf Bebauungspläne und Ähnliches statt. Was zähle, so Vöckler, sei der professionelle, aber freie Blick von Profis auf die Potentiale der beiden Städte.

Für Stefanie Wellnitz als Vorsitzende des Kultursommer-Vereins steht das Kaiserleigebiet für „ein tolles Potential in sehr guter Lage, das noch brach liegt“. Die Qualität des freien Uferraumes, ungenutzte Flächen, Leerstände in Gebäuden, die Situation einer Nahtstelle zwischen zwei großen Städten und die ausgedehnten Agrarflächen bei Oberrad eigneten sich hervorragend als Labor, als Prototyp für Ideen. Dabei gehe es nicht nur um äußerliche Verschönerung, sondern um eine zukunftsträchtige und für alle gewinnbringende Fusion. In einem zweiten Schritt müssten die Ideen in einer öffentlichen Debatte auf ihre Tragfähigkeit überprüft werden.

Vorschläge von verschiedenen Büros

Und das schlagen die vier auf Offenbach angesetzten Büros für die Stadtlandschaft zwischen den Oberräder Gärten, der Staustufe Offenbach, dem KWU-Gelände an der Berliner Straße und dem Großparkplatz am Main nahe der Offenbacher Messe vor:

  • Das Büro URBET (London/Manchester) ist fasziniert von dem durch kleine Firmen und Handwerksbetriebe sowie Wohnungen und viele Hinterhöfe geprägten Offenbacher Nordend. Die Planer prägen den Begriff „Offenbach Block“. Dieser steht für ein seit Jahrhunderten erfolgreiches Stadtkonzept des Wohnens und Arbeitens an einem Ort. „URBET schlägt vor, diese Struktur weiter in das Planungsgebiet hineinzustricken“, so Vöckler. Bestehende Bebauung müsse dabei nicht unbedingt fallen, sondern werde integriert. Leerräume würden dagegen mit dem „Offenbach Block“ aufgefüllt. Die Freiland-Gärtnereien bei Oberrad sollen bleiben.
  • „Superpool“ (Istanbul) Konzentriert sich auf die „Brooklyn-Idee“. Man versteht Offenbach als integralen Stadtteil eines Metropolen-Raumes. Ähnlich wie die „East River Ferry“ die New Yorker Stadtteile Manhattan und Brooklyn und ihre Menschen verbindet, soll am Main ein Fährschiff im Zickzack-Verkehr die Ufer von Frankfurt und Offenbach anlaufen. Die Staustufe, so Wellnitz, sei kein Problem. Dann müsse man eben mal kurz umsteigen. Die dicht getaktete Verbindung Carl-Ulrich-Brücke – Römer für Fußgänger, Radfahrer und Mopeds könne auch zur Verkehrsentlastung beitragen.
  • „feld72“ (Wien) sieht die Fragen und die Schwierigkeiten der gestiegenen Mobilität einerseits, aber auch die Lösungen für die Probleme von Pendlern andererseits als Themenklammer, mit deren Hilfe sich der Regionalgedanke weiterentwickeln lasse.
  • „AWP“ (Paris) fand Offenbach „supercool“ wie Wellnitz berichtet. Die Architekten aus der Seinemetropole haben für die mit vielen Problemen ringende einstige Industriestadt mit derbem Charme den Slogan „Offenbach is the taste of Kreuzberg“ (Offenbach ist der Geschmack Kreuzbergs) ersonnen und ihr den Titel „Geheime Hauptstadt der Rhein-Main-Region“ verliehen. Für das Kaiserleigebiet entwickelten sie eine Art Lebenselixier aus neuen Wohnformen, Clubs, Künstler-Treffpunkten, Kulturprojekten, Parks, Büros und alternativen Dienstleistungszentren.

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„Der Architektursommer 2015 soll kein Spektakel für nur vier Wochen werden. Wir wollen nach Wegen suchen, wie wir regionale Identität und das Gefühl der Zusammengehörigkeit gemeinsam mit der Bevölkerung und den Entscheidungsträgern in den Rathäusern weiterentwickeln können“, so Vöckler.

Quelle: op-online.de

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