Zum Helfen nach Kambodscha

Offenbacherin hilft Kindern, die auf Mülldeponie leben

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Nach dem Kulturschock kam die Dankbarkeit: Hibba Kauser mit Kindern, die sie als liebevoll, mutig und fleißig beschreibt.

Die frühere Stadtschulsprecherin und Trägerin des Integrationspreises, Hibba Kauser, kümmert sich um Kinder, die mit ihren Familien in Kambodscha auf einer Mülldeponie leben.

"Es war ein Schock für mich“, sagt Hibba Kauser. Die frühere Stadtschulsprecherin und Trägerin des Integrationspreises der Stadt Offenbach absolviert seit Ende Januar ein Freiwilliges Soziales Jahr in Kambodscha. In Battambang, 290 Kilometer von der Hauptstadt Phnom Penh entfernt, kümmert sich die 19-Jährige um Kinder, die mit ihren Familien auf einer Mülldeponie aufwachsen. Also inmitten von vergammeltem Essen, gesplittertem Glas, Plastiktüten, Ungeziefer, streunenden Hunden. Stets liegt ein fauliger Gestank über dem Müllberg, Fliegen surren herum.

Der Anblick der primitiven Hütten mitten auf der Deponie und der Menschen, die teils mit bloßen Händen im Müll wühlen, hat Kauser erschüttert. „Ja, es hat mich runtergezogen, als ich gesehen habe, unter welchen Umständen selbst Kinder leben müssen.“ Diese übernähmen oft unglaublich viel Verantwortung für jüngere Geschwister, weil die Eltern für den kargen Lebensunterhalt den ganzen Tag im Müll nach verwertbarem Abfall suchen, den sie an Händler verkaufen.

Die ersten Wochen waren hart

Die ersten Wochen in Kambodscha waren hart für sie. Alles wirkte fremd. Sie konnte die Landessprache noch nicht. Sie erkrankte am Dengue-Fieber. Und sie musste sich an eklige Tiere gewöhnen: an Spinnen, Kakerlaken und „riesige“ Tausendfüßler.

Auch wenn Hibba Kauser einräumt, anfangs deprimiert gewesen zu sein, betont sie auch, die Erfahrung in Kambodscha habe sie gestärkt in ihrer Meinung, dass Veränderungen möglich seien. Die junge Frau, die sich in Offenbach auch für Flüchtlinge engagiert hat, glaubt, dass sich mit Hilfe zur Selbsthilfe, Aufklärung und Solidarität etwa ändern lässt. „Vielleicht nicht die ganze Welt, aber zumindest kleine Welten.“

Die Offenbacherin arbeitet an einer Schule, die sich direkt an der Deponie befindet. Den „Day care“ am Morgen besuchen Ein- bis 14-Jährige. Sie können in dem Zentrum duschen, Zähne putzen und frühstücken. Danach wird gespielt, gesungen oder vorgelesen. Älteren Kinder bringt Hibba Kauser Englisch bei. Der Nachmittagsunterricht richtet sich auch an die Kinder der Bauern, die in der Nähe leben.

Privileg, in Deutschland geboren zu sein

Die Offenbacherin will bis Ende Januar 2020 in Battambang bleiben. Schon der bisherige Aufenthalt, hat sie geprägt. Sie sei dankbarer geworden, sagt die 19-Jährige. Sie sehe nun, welch „großes Glück“ sie gehabt habe, in Deutschland geboren worden zu sein. Sie spricht von einem Privileg, das man niemals als selbstverständlich ansehen dürfe. Vielmehr solle es Verpflichtung sein, anderen zu helfen, denen es nicht so gut gehe.

Soziales Jahr/ Das Freiwillige Soziale Jahr(FSJ) ist eines der beliebtesten Freiwilligendienste. Es bietet jungen Menschen nach Abschluss der Schulpflicht bis zur Vollendung des 27. Lebensjahres die Chance, sich für andere Menschen zu engagieren und sich persönlich wie auch beruflich zu orientieren. Tätigkeiten im Ausland vermitteln unter anderem der Internationale Jugendfreiwilligendienst, der Weltwärtsdienst, Work and Travel, Workcamps, Aupair und Missionar/in auf Zeit.

Die Thüringisch-Kambodschanische Gesellschaft(TKG) ist eine kleine Nichtregierungsorganisation, die das Soziale Abfallzentrum mit Kompostierungsanlage und Schule in Battambang initiiert hat, wo die Offenbacherin Hibba Kauser derzeit arbeitet. Es soll den Müllsammlerfamilien auf der Deponie und ihren Kindern sowie Kleinbauern die Chance auf Bildung geben und ein menschenwürdiges Leben ermöglichen. Infos zu Praktika und einem FSJ bei TKG oder zu Patenschaften für Kinder gibt es unter www.tkgev.org/ . ags

Sie wünscht sich, dass mehr junge Leute nach dem Schulabschluss ein Auslandsjahr in Erwägung ziehen. In einer Welt, in der Hass und Hetze zunähmen, sei es wichtig, die Perspektive zu wechseln und neue Kulturen und Menschen kennenzulernen. „Denn wenn wir uns in die Situation anderer einfühlen, dann wächst automatisch auch die Empathie“, ist sie überzeugt.

Hibba Kauser muss die Kosten für Miete und Essen in Höhe von rund 250 Dollar selbst tragen. Anfangs lebte sie mit drei weiteren Freiwilligen in einem Haus, inzwischen ist sie die einzige Helferin. Sie hofft deshalb, dass sich durch die Veröffentlichung neue Ehrenamtliche finden lassen.

Bis Jahresende möchte sie etwa 18 Paten für das Projekt gewinnen, die den Kindern mit 200 Euro im Jahr den Schulbesuch finanzieren. Der ist in Kambodscha, einem der ärmsten Länder der Welt, zwar kostenlos. Aber es entstehen zusätzliche Aufwendungen für Schuluniformen oder Bücher. Viele Familien können sich das nicht leisten.

Kauser sagt, sie sei behütet aufgewachsen. Ihre Eltern waren wegen der zunehmenden religiösen Verfolgung aus Pakistan geflohen. Die Tochter kam in einer Erstaufnahmeeinrichtung in Ostdeutschland zur Welt. Fremdenfeindlichkeit habe sie nicht erlebt. Die Menschen hätten ihr das Gefühl vermittelt, dazuzugehören.

Infobox

Das Freiwillige Soziale Jahr(FSJ) ist einer der beliebtesten Freiwilligendienste. Es bietet jungen Menschen nach Abschluss der Schulpflicht bis zur Vollendung des 27. Lebensjahres die Chance zur persönlichen und beruflichen Orientierung. Tätigkeiten im Ausland vermitteln unter anderem der Internationale Jugendfreiwilligendienst, der Weltwärtsdienst, Work and Travel, Workcamps, Aupair und Missionar/in auf Zeit.

Die Thüringisch-Kambodschanische Gesellschaft(TKG) ist eine kleine Nichtregierungsorganisation, die das Soziale Abfallzentrum mit Kompostierungsanlage und Schule in Battambang initiiert hat. Es soll den Müllsammlerfamilien auf der Deponie und ihren Kindern die Chance auf Bildung geben und ein menschenwürdiges Leben ermöglichen. Infos zu Praktika und einem FSJ bei TKG oder zu Patenschaften für Kinder gibt es unter www.tkgev.org/ . ags

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