Ohne Depressionen im „Armenhaus“

Kassel - Für seine Halbzeitbilanz hatte Kassels populärer Oberbürgermeister Bertram Hilgen (SPD) im Juli vergangenen Jahres das Auestadion gewählt. Das sei ein Symbol neuen Kasseler Selbstbewusstseins, der Stadt gehe es gut, auch Dank des Regierens mit wechselnden Mehrheiten, sagte Hilgen. Von Chris Melzer (dpa)

Ein dreiviertel Jahr später ist von den wechselnden Mehrheiten nichts mehr übrig, die Stadtkasse musste in der Wirtschaftskrise Federn lassen, und die Haupttribüne des Stadions wird wegen Brüchigkeit abgerissen. In den zwei Jahren, die noch bis zur nächsten Wahl eines Oberbürgermeisters und einer neuen Stadtverordnetenversammlung bleiben, gibt es in Hessens drittgrößter Stadt viel zu tun.

Innerhalb der Ortsschilder, auf denen stolz der Zusatz „documenta-Stadt“ steht, wohnen 193 000 Einwohner. Mit den umliegenden Gemeinden kommt der Großraum auf 300 000. Dennoch haftet Nordhessen und seiner Metropole das Image des provinziellen Armenhauses an: Deutscher Meister bei den Sozialhilfeempfängern, nach dem Krieg hässlich wieder aufgebaut, Kultur werde nur alle fünf Jahre für die hunderttägige documenta importiert, lauten die gängigen Einschätzungen. Auch wenn die Nordhessen nicht als überschwänglich gelten, hat die Realität mit dem Klischee wenig zu tun. Dem Beton der Fünfziger Jahre steht die Karlsaue entgegen, ein 1,5 Quadratkilometer großer Park in der Innenstadt. Die Museumslandschaft Hessen-Kassel ist eine der größten Museumsgruppen Deutschlands. Und jeder zehnte Kasseler lebt zwar von Hartz IV: „Die Zahlen gehen aber deutlich nach unten“,sagt Silke Sennhenn von der Arbeitsagentur. „Vor drei Jahren waren es noch 24 582 Bezieher vom ALG II, 2007 dann 20 403 und im letzten Jahr 17 850.“

„Wir sind gut aufgestellt“,sagt Stadtbaurat Norbert Witte. „Wir haben zwei Jahre lang deutlich mehr Geld durch die Gewerbesteuer in die Kassen bekommen. Das wird zwar in diesem Jahr weniger, aber wenigstens haben wir das Plus nicht verballert, sondern für schwere Zeiten vorgesorgt“,sagt der Christdemokrat. So sei die Schuldenlast, immer noch 611 Millionen, um 100 Millionen Euro verringert und aus dem Berliner Konjunkturpaket seien 60 Millionen Euro für Kasseler Schulen abgezweigt worden. „Ich will die Lage nicht schönreden, auch Kassel hat Probleme“, sagt Witte. „Aber wir haben allen Grund zum Optimismus.“

Diesen Optimismus strahlen SPD, CDU wie Grüne gleichermaßen aus. Kein Wunder, wird doch Kassel von einem sozialdemokratischen Oberbürgermeister und Dezernenten von allen drei Parteien regiert. Hilgens Parteifreund Jürgen Barthel kümmert sich als Stadtkämmerer um die Finanzen, neben Witte sitzt Kulturbürgermeister Thomas-Erik Junge für die CDU im Magistrat, und die Grünen sind durch Sozial-Stadträtin Anne Janz vertreten. Doch das von Hilgen gelobte Spiel mit wechselnden Mehrheiten ist Geschichte. Inzwischen gibt es eine Vereinbarung der SPD mit den Grünen. „Aber das ist eine Kooperation, keine Koalition“, betont Günther Schnell von der SPD. „Wir hätten gern wie bisher uns eher an den Problemen als an den Parteien orientiert, aber das war mit der CDU nicht zu machen.“Die beiden großen Parteien hatten sich bei den Dezernentenwahlen nicht einigen können, also rückten die Sozialdemokraten zu den Grünen.

Quelle: op-online.de

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