Ohne fossile Energie, ohne Atom

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Kann eine Großstadt komplett mit erneuerbarer Energie versorgt werden? Frankfurt glaubt, dass es geht - so soll es aussehen.

Frankfurt - Kommt zum Titel der „Bankenmetropole“ bald die Auszeichnung als „Green Capital“? Das Ziel ist hoch gesteckt: Frankfurt hat sich um den Titel der „Europäischen Grünen Hauptstadt 2014“ beworben und will Vorbild sein in Sachen Nachhaltigkeit. Von Michael Eschenauer

Wie man im Römer auf dem Gebiet der Energieeinsparung mobil macht, darüber informierte jetzt eine Bürgerveranstaltung im Alten Kesselhaus des Heizkraftwerks West im Gutleutviertel. Eines scheint auch ohne „den Titel“ sicher: Frankfurt will die totale Kehrtwende beim Energieverbrauch. Gelingen soll das weniger mit Hilfe großer Subventionsprogramme, als mit Information, Motivation und neuen Ideen.

Energieeinsparung ist keine Orchideendisziplin, sondern unverzichtbar für den Fortbestand unserer Gesellschaft, so wie wir sie kennen. Dies unterstrich Umweltdezernentin Manuela Rottmann (Grüne) gleich zu Beginn der Fachdiskussion vor über 200 Interessierten: „Das ressourcenschonende Leben ist eine der gesellschaftlichen Grundfragen, angesichts der mit Sicherheit weiter steigenen Energiepreise. Von der Antwort, die wir geben, hängen sozialer Friede und unser Wohlstand ab“, so Rottmann. Warum nimmt Frankfurt an dem Wettbewerb teil? „Es geht nicht darum, zu zeigen, dass wir hier eine Öko-Idylle haben, sondern wir wollen Dinge in Gang setzen“, sagt Rottmann. Es sei, so die Frankfurter Umweltpolitikerin, wichtig, bei Entscheidungen, die man heute treffe, die Langzeitwirkungen zu bedenken. „Ein Kohlekraftwerk, das wir heute bauen, läuft 40 Jahre, ein Haus steht Generationen. Wenn wir heute halbherzig handeln oder Geld verschwenden, wird uns das über Jahrzehnte schaden.“

Und das sind die ehrgeizigen Schlussfolgerungen: Frankfurt will bis zum Jahre 2050 komplett unabhängig werden von fossilen Energieträgern und sich CO2-neutral versorgen. Werner Neumann, Leiter des städtischen Energiereferats, der die Pläne erläuterte, visiert eine Reduktion der „Frankfurter“ CO2-Emissionen bis 2030 von derzeit 12 auf sechs Tonnen pro Bürger an. Zur besseren Vorstellung: Mit einem Kilo CO2 könnte man 200 Luftballons füllen. Neumann geht davon aus, dass der Gesamtenergieverbrauch in den kommenden 38 Jahren um die Hälfte gesenkt werden kann - unter anderem durch Passivhäuser, Gebäudesanierung, Stromsparen und die Nutzung der Kraft-Wärme-Kopplung (Fernwärme durch Blockheizkraftwerke). „Energieeffizienz und Einsparung sind unsere größten Energiequellen“, sagte er. Derzeit übernehmen Erdgas 57, Kohle 23, Erdöl sieben und die Kernenergie drei Prozent der Energieversorgung der Mainmetropole. So genannte Alternative Energien sind mit zehn Prozent im Spiel. Bald soll sich das Verhältnis umkehren.

Keine Angst vor den Kosten

Die Frankfurter haben keine Angst vor den Kosten. Konsequentes Energiesparen senke im Stadtgebiet die Ausgaben um 40 Milliarden Euro in 40 Jahren. Dieses Geld könne man in eine „grüne Infrastruktur“ investieren. „Frankfurts Energierechnung liegt heute bei zwei Milliarden Euro pro Jahr. Neumann: „Das Geld fließt in Zukunft nicht mehr „nach Russland oder Saudi Arabien, sondern kommt der Stadt und der Region zu Gute.“

Der Energieexperte ist überzeugt, dass 25 Prozent des Energiebedarfs direkt in Frankfurt erzeugt werden können. Bisher wird das Potential für Solarstrom in der City erst zu zwei Prozent ausgeschöpft. Statt wie bisher zehn sollen auf den Solardächern der Mainmetropole in der Jahrhundertmitte 700 Gigawattstunden Energie entstehen. Das Potential der Heizung mit Solarwärme sei sogar dreimal so hoch. Die Nutzung „städtischer Biomasse“ soll von 190 auf 500 Gigawattstunden steigen. Windräder sollen 20 Gigawattstunden liefern.

Constantin Alsheimer, Vorstandsvorsitzender der Mainova AG, bezifferte die Kosten der Energiewende in Deutschland auf 200 Milliarden Euro in den kommenden zehn Jahren - was in Relation zu jenen 87 Milliarden Euro zu sehen sei, die die Infrastrukturmaßnahmen für die Deutsche Einheit bisher verschlungen hätten. Dies habe man ja auch geschafft, so der Energie-Manager. Allerdings fehle es an einer sinnvollen Koordination der zahlreichen Fördermechanismen. Alsheimer ließ keinen Zweifel an seiner Einschätzung, dass er die Förderung der Solarenergie im Verglich zu anderen energiepolitischen Maßnahmen für überzogen und extrem teuer hält.

„Energetische Sanierungsgebiete“

Hier widersprach Rottmann. Gerade für eine Großstadt wie Frankfurt sei die Nutzung der Hausdächer zur Stromproduktion ohne lange Lieferstrecken sinnvoll. „Wenn im Sommer die Kühlaggregate der Rechenzentren glühen, können wir die Bedarfsspitzen mit Solarenergie abfedern und den Bau neuer Kraftwerke vermeiden.“ Nach ihrer Einschätzung bildet die Gebäudesanierung eines der künftigen kommunalen Haupt-Tätigkeitsfelder. Sie schlug vor „energetische Sanierungsgebiete“ auszuweisen. Dabei könnten ganze Straßenzüge oder gar Viertel mit Unterstützung der Verwaltung in einem Zug saniert werden. Die steigere die Qualität der Maßnahmen, entlaste den einzelnen Hauseigentümer und senke durch Großaufträge die Kosten.

Michael Rothkegel, Geschäftsführer des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, forderte eine „Änderung unseres Lebensstils“. „Wir müssen uns jeden Tag darüber Gedanken machen, welche unserer Verrichtungen wie viel Energie verbraucht“, forderte er. Dazu zähle die Frage der Ernährung genauso wie das Mobilitätsverhalten. Als speziell Frankfurterisches Problem machte der Umweltexperte den zigtausende Kraftfahrzeuge umfassenden Pendlerstrom aus. Rottmann unterstrich die Probleme, die der Autobahnring und der Flughafen für die Bewerbung als „Green-Capitial“ darstellen. Wir haben hier die höchste Stickoxidbelastung europaweit, sagte sie. Aber es bestehe speziell in Frankfurt die Möglichkeit, bei Reisen auf einen leistungsfähigen Eisenbahnknoten zurückgreifen. „Wir müssen sie eben tatsächlich nutzen, die Alternativen zu Auto und Flugzeug, wenn wir etwas verbessern wollen“, forderte sie.

Quelle: op-online.de

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