Selbst die Gans sang mit

Open-Air-Konzert des hr-Sinfonieorchesters am Mainufer

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12 000 Menschen vor der Bühne, gut 8000 drumherum - das Open-Air des hr-Sinfonieorchesters lockte die Massen.

Frankfurt - Das Sommermärchen hat eine Fortsetzung. Bei 12.000 Besuchern machte der Hessische Rundfunk beim eintrittsfreien Open-Air des hr-Sinfonieorchesters auf der Weseler Werft am östlichen Mainufer die Schotten dicht. Von Klaus Ackermann

Weitere etwa 8000 Zuhörer erlebten daher das Konzert vom Sachsenhäuser Ufer aus, von der Deutschherrnbrücke und aus den benachbarten Häusern. Allesamt gebannt von dem wieder temperamentvoll auftrumpfenden Chefdirigenten Andrés Orozco-Estrada, an diesem traumhaften Abend vor der Kulisse der Frankfurter Skyline von Kopf bis Fuß auf russische Musik eingestellt. Selbst eine Nilgans, offenbar im Stimmbruch, konnte den Kolumbianer nicht aus der Ruhe bringen.

Ein Hauch von Glyndebourne liegt über dem träge fließenden Main, nur dass die britische Kleiderordnung auf der etwa zwei Fußballfelder großen Werft etwas hemdsärmeliger ausfällt. Schon am späten Nachmittag kampiert ein erwartungsvolles Völkchen, ausgerüstet mit Decken, Picknickkörben und Getränken auf dem weitläufigen Gelände, eingestimmt mit Beethoven vom Band. Der Klappstuhl hat Konjunktur – und besonders Clevere werden sich von Stunde zu Stunde näher an die große Bühne heranpirschen.

Doch zunächst gibt es ein Aufwärmprogramm besonderer Art. Bei der Zweitauflage des Open-Air ist erstmals die renommierte hr-Bigband mit von der Partie, unter dem wie immer locker und gelassenen US-Chef Jim McNeely in der jazzigen Evergreen-Kiste kramend. In sattem bis raffiniert gestückelten Sound kommen da etwa „Caravan“ oder das bluesig angerissene „Very Special“ zu neuen Ehren. Überzeugend auch der Auftritt von Rythm’n‘Blues-Sängerin China Moses, Tochter der US-Jazzsängerin Dee Dee Bridgewater. Im Gegenlicht der untergehenden Sonne sind zwar nur ihre goldenen Schuhe auszumachen, umso mehr legt sie sich stimmlich ins Zeug – Kurt Weills „Mack The Knife“ swingt wie der Teufel. Die lange Pause bis zum Hauptakt wissen dann nur jene zu schätzen, die ohne Murren, eher mit dem unbekannten Nachbar plaudernd in einer der 20 Meter langen Schlangen vor den Catering-Buden stehen. Da darf noch nachgebessert werden.

So wirkt Musik auf unseren Körper

„Wir sin gut druff“, konstatiert dann Moderator und Berufshesse Jörg Bombach, der die hr-Bigband noch im offenen Hemdkragen beplaudert hat, jetzt aber nobel im Smoking das hr-Sinfonieorchester anmoderiert. Dass dessen Musiker ebenfalls gut drauf sind, zeigt die Glinka-Ouvertüre der unglücklich liebenden „Ruslan und Ludmilla“, schon eine vorweggenommene Zugabe. Dann ist die große Zeit der jungen, auch stimmlich ansehnlichen russischen Sopranistin Olga Peretyatko, eine Belcanto-Spezialistin, der kein Ton zu hoch und keine federnd abgezogene Koloratur zu schwierig scheint. Etwa in der Ludmilla-Arie „Wehmutsvoll Väterchen ist mein Sinn“ oder in Gounods „Je veux vivre“ aus „Romeo und Julia“.

Es ist mittlerweile 21.01 Uhr – und bei Tschaikowskys Phantasieouvertüre „Romeo und Julia“, von Orozko-Estrada nachdenklich entwickelt, hält’s die Nilgans nicht mehr im Wasser. Laut keckernd verschafft sie sich kurz vor der finalen ohrwurm-verdächtigen Passage Gehör. Kein Problem für die wieder auf hohem Niveau musizierenden hr-Sinfoniker, die mit Strawinskys „Feuervogel“ einen intensiven Klangfilm abziehen. Und weil das Open-Air auch einem guten Zweck dient – Mäzene und Publikum spendeten für das Kinderhilfsprojekt „Die Arche“ - war der Frankfurter Sommernachtstraum eine durch und durch runde Sache.

Quelle: op-online.de

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