Von Menschen und Mächten

Oper um Volksheld „Iwan Sussanin“ in Neuauflage

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Bayreuth-Bass Sir John Tomlinson schlüpft in die Rolle des russischen Volkshelden, der Partisanen rettet und dabei sein Leben lässt.

Frankfurt - Ein alter Mann rettet sein Volk und bezahlt dafür mit dem Leben. Harry Kupfers Neuinszenierung von Glinkas „Iwan Sussanin“ hatte an der Oper Frankfurt Premiere. Von Klaus Ackermann 

Michail Iwanowitsch Glinkas „Iwan Sussanin“ ist jetzt an der Oper Frankfurt in einer neuen Bearbeitung zu erleben, die das langwierige Bühnenepos mit deutlich patriotischem Leitton auf zweieinhalb Stunden verkürzt. Mit dem Bayreuth-Bass Sir John Tomlinson in der Titelrolle, ausdrucksstarken Chören und einem Opern- und Museumsorchester, das unter seinem Chefdirigenten Sebastian Weigle das russische Klangidiom verinnerlicht hat, gab es zur Premiere die schon traditionelle Frankfurter Beifallsordnung: Viel Applaus fürs Musikalische, kräftige Buhs dagegen fürs Produktionsteam um Regie-Altmeister Harry Kupfer.

Über die Bearbeitung von Kupfer und dem Chefdramaturgen Norbert Abels, die das Tragödien-Geschehen vom 17. Jahrhundert in die Zeit des Zweiten Weltkriegs verlegt, haben wir bereits berichtet. Sie zielt auf den menschlichen Kern der Geschichte eines einfachen Wolga-Bauern, der die russischen Partisanen rettet, indem er das deutsche Heer in die Irre führt und dafür grausam ermordet wird. Schon das Vorspiel bündelt die Musik des weitgereisten Glinka, die sich aus schwermütiger russischer Prosa in lichte italienische Opernwelten erhebt, Kontraste, die von Weigle und dem perfekt intonierenden Opernorchester deutlich herausgestellt werden.

Ein windschiefes Ruinentor, im Vordergrund zwei riesige zerborstene Glocken (Ausstattung: Hans Schavernoch) - beim Eingangschor in typisch russischem Moll paradieren Kranke und Verwundete, mit dem Volk die Niederlage der Deutschen in Moskau eher verhalten feiernd. Inmitten Antonida, Tochter des Iwan Sussanin, die sehnlichst ihren Geliebten, den Partisanenführer Sobinin erwartet. Kateryna Kasper, Eigengewächs der Oper Frankfurt, brilliert hier mit lupenreinem Sopran, der in Arien-Fiorituren höchste Höhen erklimmt. Den Sobinin gibt der russische Tenor Anton Rositskiy, ein Kraftkerl mit Feingefühl, vor allem in seiner italienisch getönten russischen Bravourarie.

Opernball in Frankfurt

An zentrale Stelle rückt freilich stets der flexible wie auch klanggewichtige Chor (Tilman Michael), kommentierend, mitfühlend, mitleidend und bei Regisseur Kupfer immer in Bewegung. Auch im zweiten Akt, wenn das deutsche Heer in der Warschauer Etappe seinen vermeintlichen Sieg feiert. Bei Walzer und Krakowiak einer uniformierten Tanztruppe und mit Damen in pastellfarbenem Fummel (Kostüme: Yan Tax). Wenn die schlechte Nachricht aus Moskau kommt, macht man sich Mut mit lautstarken „Sieg heil“-Rufen – sicher ein Grund für die vereinzelten Buhrufe aus dem Auditorium.

Dann ist da noch die anrührende Geschichte vom Vöglein, das aus dem Nest fiel, gesungen von Wanja, dem tatkräftigen Ziehsohn des Sussanin: Katharina Magieras stimmfeiner Sopran hält einmal mehr gefangen. Eisiger Winter bei heftig wehendem Schnee, wenn Sussanin die deutschen Soldaten ins Verderben führt, wohl wissend, dass dies seinen Tod bedeutet und seine Angst mit schönen Gedanken an bessere Zeiten kompensiert. Zuvor nicht ohne Brüche, wenn er emotional gefordert ist, wirkt Tomlinson in diesem 20-minütigen Dialog authentisch.

Seinen Sinn für Panoramen zeigt Kupfer noch einmal im hymnischen, vor strotzenden Chorepilog, der den Sieg und die Heldentat Sussanins feiert. Die Soldaten in Sowjetuniformen, das gemeine Volk in grauem Tuch – fehlt eigentlich nur noch Putin, der Patriot …

Weitere Aufführungen am 30. Oktober, 5., 8., 14., 20. und 27. November. Karten gibt es unter 069/21249494.

Quelle: op-online.de

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