Harry Kupfer inszeniert Glinkas „Iwan Sussanin“ in Frankfurter Bearbeitung

Opern-Tragödie gründlich entkernt

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Der Frankfurter Dramaturg Norbert Abels.

Frankfurt - Fürs große Ganze sind sie prädestiniert. In vielen langwierigen Sitzungen haben Regie-Altmeister Harry Kupfer und Frankfurts Chefdramaturg Norbert Abels die Opern-Tragödie „Ein Leben für den Zaren“ gründlich entkernt. Von Klaus Ackermann 

Unter dem ursprünglichen Titel „Iwan Sussanin“ hat das Opus magnum des russischen Komponisten Michail Iwanowitsch Glinka am Sonntag um 18 Uhr im Haus am Willy-Brandt-Platz Premiere. Mit Sebastian Weigle am Dirigierpult des Opern- und Museumsorchesters und dem renommierten Wagner-Sänger John Tomlinson in der Titelrolle. Es ist die Geschichte eines einfachen Bauers, der den Zar rettet, indem er dessen Feinde in die Irre führt und dafür mit seinem Leben bezahlt. Die Frankfurter Bearbeitung verlegt sie vom 17. Jahrhundert ins Russland des Zweiten Weltkriegs und gründet dabei auf der Ballade des hingerichteten Freigeists Rylejew von 1825, die Glinka zu seiner Oper inspirierte. Gleichnishaft sei dieser selbstgewählte Opfertod eines kleinen Mannes, der seinen individuellen Glücksanspruch hintanstellt für das Wohl des Ganzen, sagt Abels. Auch ein Panzer gegen historische Zufälligkeiten. Zumal es im Zweiten Weltkrieg wie beim „Iwan Sussanin“-Original russische Partisanen sind, die ihre Heimat verteidigen.

Die Konzentration aufs Wesentliche, auf die Charaktere, bremst zudem den stark patriotischen Durchzug der Urfassung. Damit einher geht eine neue russische Textfassung (mit deutschen Übertiteln). Im zweiten Akt, der in Warschau spielt, das inzwischen von Deutschen besetzt ist, wird sogar deutsch gesungen. Unberührt bleibt dagegen der Text bei den Liebesszenen. Musikalisch sei das Werk mit seinen üppigen Chorszenen, den Mazurken, Polonaisen und sinfonischen Zwischenspielen ein „Operatorium“, sagt der Chefdramaturg und Hochschullehrer Abels augenzwinkernd, ein Mittelding also aus Oper und Oratorium. Allein das Reduzieren der endlosen Wiederholungen in Glinkas Musik, die mit der italienischen Oper kokettiere wie sie den russischen Realismus schon vorwegnehme, habe die Nationaloper auf etwas über zwei Stunden verkürzt. Hier ist der ebenfalls russisch sprechende Chefdirigent Weigle mit im Bearbeiter-Boot, der klangliche Brücken baut – aus Glinkas Material. Vor allem der mächtige Schlusschor nach Mord und Totschlag mache regelrecht beklommen. Musik und Text seien jenem „Patriotischen Lied“ von Glinka ähnlich, das in der Jelzin-Ära sogar zur russischen Nationalhymne avancierte, weiß Abels.

Karten gibt es unter der Rufnummer 069/ 21249494.

Opernball in Frankfurt

Quelle: op-online.de

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