Opern-Uraufführung „An unserem Fluss“ gefeiert

Romeo und Julia im Kreislauf der Gewalt

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Oper am Puls der Zeit: Sipho (Michael Porter) und Lucia (Kateryna Kasper) haben eine Wasserader entdeckt und beschwören damit Konflikte herauf.

Frankfurt - Die Uraufführung von Lior Navoks Oper „An unserem Fluss“ ist im Bockenheimer Depot mit Bravo-Rufen bedacht worden. Das Musiktheater-Stück über den Nahost-Konflikt entstand im Auftrag der Oper Frankfurt. Von Axel Zibulski 

Eine moderne Variante von „Romeo und Julia“ bildet den Ausgangspunkt. Wobei Lior Navoks Oper den Konflikt zweier Völker thematisiert. Die 15-jährige Lucia stammt aus einer israelischen Familie, der gleich alte Sipho ist Palästinenser. Gemeinsam entdecken sie eines der in ihrem Gebiet so knappen Wasservorkommen. Sofort entstehen Streit und Besitzansprüche; zur geplanten gemeinsamen Flucht der beiden kommt es nicht. Bereits bei der Lektüre der Programmheft-Texte stellt sich dieses Gefühl ein, jede Seite voll und ganz verstehen zu können. Die israelische Mutter, die beim terroristischen Raketenbeschuss ihr Kind verloren hat. Den palästinensischen Zivilisten, für den sogar die Grundversorgung mit Wasser unerschwinglich wird und der seine Felder nicht mehr bestellen kann. Und dieser so unauflösbar scheinende Zwiespalt setzt sich beim Betrachten der 90-minütigen, mit zwei Akten pausenlos gespielten Kammeroper fort.

Kein noch so hartes Detail lässt Navok, 1971 in Tel Aviv geboren, in seinem eigenen, von Kristian Lutze ins Deutsche übersetzten Text aus. Da ist der Siedler Chicken-Heart (Alexander Mayr), der im Angesicht seiner radikalisierten und Gewehr tragenden Gattin Sinya (Stine Marie Fischer) in unbändiger Wut einen der für die Palästinenser so wichtigen Olivenbaum zerstört. Da ist auf der anderen Seite aber auch der radikale Führer Zachary Rutget (Alfred Reiter), der der Jugend so verführerisch wie geschmeidig ein „Heldentum im wärmenden Licht der Sonne“ vorgaukelt.

Austausch von Gewalt und Gegengewalt

Nie endet der Austausch von Gewalt und Gegengewalt, die in Corinna Tetzels werkdienlicher Inszenierung und im ungastlich-steinigen Terrain von Stephanie Rauchs Einheitsbühne bedrängende Präsenz entfalten, mit Hinrichtungsschüssen hinter der Bühne, brutalen Verhören, Angst und nie nachlassender Anspannung. Lässt sich das alles in einer Oper bewältigen? Auf den ersten Blick ja, natürlich, weil gerade in dieser Kunstform das Ungleichzeitige gleichzeitig behandelt werden kann. Gegen Ende zum Beispiel, wenn zwei operettenhell frisierte und blütenrein gekleidete Botschafter (Gurgen Baveyan und Yves Saelens) beiden Seiten eine Geldspritze von „Big Uncle“ bringen - Amerikas „Onkel Sam“ vielleicht, der so den Konflikt verlängert?

Rocky Horror Show in der Alten Oper

Dennoch bleiben Zweifel: Sind die weiten Adagio-Klänge, mit denen die Musiker des Opern- und Museumsorchesters unter der Leitung von Sebastian Zierer die Szene grundieren, trotz punktueller Schärfungen und Verdichtungen nicht eigentlich viel zu schön für das Sujet? Lässt Navoks eigener, handfester Text nicht manchmal die Sublimierung ins Künstlerische vermissen? Einen Nerv des Publikums scheint Navok freilich getroffen zu haben.

Großartige Leistungen prägen die Uraufführung, Michael Porters tenoral frühreif klingender Sipho, die ebenso jugendlich wirkende, aber ungemein reflektiert gestaltende Sopranistin Kateryna Kasper als Lucia. Als greiser Kavi hat der 79-jährige Carlos Krause einen durch Besonnenheit strahlenden Auftritt, während Davide Damiani als israelischer Wortführer Fred Bucksmann den Ton auf der Bühne unheilvoll, aber treffend schärft.

Weitere Vorstellungen am 3., 6., 8., 10., 12. und 13. Juni.

Quelle: op-online.de

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