Frankfurt

Der Weg aus der Opferrolle

Im Seminar wird trainiert, wie man gefährliche Situationen auf der Straße meistern kann.

Frankfurt bietet Seminare zum Verhalten bei Anmache und Gewalt auf der Straße oder in der Bahn an. So kann man brenzlige Situationen besser meistern.

Frankfurt - Wegdrehen und einfach weitergehen. Eignet sich dieser Tipp wirklich dazu, um aus den meisten Gewaltsituationen im öffentlichen Raum ungeschoren herauszukommen? Ganz so einfach ist es nicht, wie manche der Teilnehmer eines Gewaltpräventionskurses der Stadt Frankfurt schon am eigenen Leib erfahren mussten.

„In einer Berliner U-Bahn ist es schon passiert, dass ein pöbelnder Betrunkener sich mir und meiner Freundin genähert hat. Er hat versucht, uns blöd anzumachen und anzufassen“, berichtet Doris Niebergall. Eine sehr bedrängende Situation war das für die Oberräderin.

Erst als ein (fremder) Mann die Belästigung beobachtet hatte und den Unruhestifter höflich aber direkt angesprochen hat, ließ der Fremde von den beiden Frauen ab und die Situation entspannte sich.

Dankbar war Doris Niebergall dem fremden Berliner, der zur Hilfe eilte. So sehr, dass sie nun ins Oberräder Jugendcafé gekommen ist, um selbst zu lernen, wie man Zivilcourage zeigen kann, und dabei vermeidet, selbst zum Opfer zu werden.

Die kostenlosen Kurse sind sehr gefragt, weiß Frank Goldberg: „Wir können uns vor Anfragen kaum retten“, sagt der Geschäftsführer des Frankfurter Präventionsrates, der in unregelmäßigen Abständen, aber in steigender Zahl, Gewaltpräventions-Seminare in Schulen, Firmen und für Erwachsene anbietet sowie Kursleiter ausbilden lässt.

Natürlich sei man erfreut über die große Resonanz, die das Team aus mehreren Dutzend Sozialpädagogen und ehrenamtlichen Trainern für die Seminare erfahre. Die Konsequenz sei einzig, dass viele Anfragen auf spätere Termine vertröstet werden müssten. Mehr geht nicht, hieß es auch bei diesem Seminar in Oberrad. Eng beisammen sitzen die rund 30 Teilnehmer in dem kleinen Raum des Jugendcafés. So nahe würde keiner von ihnen einen Fremden auf der Straße an sich heranlassen.

Eine Armlänge, das ist die Grenze. Näher würde Frau Gruner einen fremden Mann nicht näherkommen lassen. „Das reicht“, sagt sie freundlich, aber bestimmt, als sich ihr der kräftig gebaute Sozialpädagoge Fredi Diez nähert. „Außer wir stehen in einem Aufzug“, sagt sie lächelnd. Die andern lachen.

„Ab einer Distanz von weniger als einer Armlänge fühlen wir uns gegenüber Fremden einfach unwohl“, bestätigt auch Fredis Kollege Jens Rösler. Dies sei allerdings schon eine Distanz, bei der man „keine realistische Chance“ mehr habe, im Ernstfall noch davon zu laufen. Schnell wird klar: Das Bauchgefühl entscheidet. „Jeder hat ein intuitives Gefühl, wie nahe er jemand Fremden an sich heranlässt“, so Jens Rösler. Das hänge natürlich auch davon ab, an welchem Ort man sich gerade befinde, und ob es helllichter Tag sei oder eben dunkle Nacht.

„Ich glaube, es kommt darauf an, ob ich Tätern das Gefühl vermittele, ein Opfer zu sein“, meint eine andere Dame. Fredi Diez pflichtet ihr bei, denn vieles geschehe in der menschlichen Kommunikation nun einmal über non-verbale Signale.

Wichtig sei es daher, sich nicht in das so genannte Magnetfeld des Täters hineinziehen zu lassen. So sei es etwa in einer S-Bahn sicherer, sich dem Opfer zu widmen, als dem Täter: „Lieber das Opfer auffordern, sich zu den anderen Fahrgästen zu setzen, als den Täter direkt anzusprechen“, so Goldberg.

Im Hinblick auf Deeskalation und Eigenschutz empfehle es sich, Körperkontakt in jedem Fall zu vermeiden, und Distanz herzustellen. „Bleiben Sie beim ‚Sie‘, dadurch entsteht eine verbale Distanz, die wiederum bei Außenstehenden die Bereitschaft zum Helfen steigern kann.“

Wenn auf der Straße eine gefährliche Situation entstehe, müsse man, falls dies möglich sei, als Ziel von Frechheiten oder Anmache unbedingt das Konfliktfeld vollständig verlassen: „Auch nicht nach ein paar Metern stehen bleiben und wieder Blickkontakt aufnehmen“, raten die Experten den Zuhörern.

Als „richtiges Opferverhalten“ nennen sie mehrere Reaktionen: 1) sofort Öffentlichkeit herstellen, 2) deutlich mit Worten und Körpersprache zeigen, dass man nicht einverstanden ist, 3) nicht in der zugewiesenen Opferrolle bleiben, 4) sich aus der Gefahrenzone herausbewegen und 5) Hilfe holen.

Auch etwas Unerwartetes, Überraschendes zu tun, helfe, die Situation zu entschärfen, weil es den Täter irritiere. So wie die junge Frau, die auf Pöbeleien einmal in französischer Sprache antwortete, und sich als Touristin ausgab.

Wer Zivilcourage üben wolle, ohne sich selbst zu gefährden, dürfe sich selbst nicht als neuer Gegner anbieten und auch nicht als Schiedsrichter auftreten. „Handeln Sie aus der Distanz heraus, schaffen Sie Öffentlichkeit und rufen Sie die Polizei“, lauten die Ratschläge.

Quelle: op-online.de

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