Brückenschlag mit Verspätung

Die vorsichtige Reise einer Brücke

Frankfurt - Die tektonischen Platten der Erdkruste bewegen sich auf ihrem Meer aus Magma mit einer Geschwindigkeit fort, die etwa so groß ist wie das Wachsen eines Fußnagels. Von Michael Eschenauer

Brückenschlag in Frankfurt

Drei Tage dauert die Ausrichtung der neuen Mainbrücke. Die richtige Positionierung ist Millimeterarbeit.

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An dieses Tempo erinnerte gestern der Auftakt zu einem spektakulären Kapitel der neueren Frankfurter Stadtgeschichte: Die auf dem nördlichen Mainufer neben der Deutschherren-Eisenbahnbrücke zusammengebaute Osthafenbrücke, soll in zweieinhalb Tagen vom Ort ihrer Geburt bis in ihre finale Position bugsiert werden. Um die Molenspitze des Osthafens zu erreichen, wo sie gemeinsam mit der sanierten Honsellbrücke den Brückenschlag komplett macht, muss sie eine Entfernung von 250 Metern überwinden - Flußfahrt inklusive.

Bilder vom Brückenschlag

Brückenschlag in Frankfurt

Brücken in Frankfurt:

Rund 20 Brücken und Stege führen in Frankfurt über den Main.

Die Alte Brücke wurde erstmals 1222 urkundlich erwähnt, ist aber noch älter.

Der Eiserne Steg, die Fußgängerbrücke in der Mitte der Stadt, gehört zu den bekanntesten und wurde 1869 errichtet.

Die jüngste Brücke ist der Holbeinsteg, der zum Museum Städel führt. Diese Fußgänger-Hängebrücke wurde 1990 als Ersatz während der Sanierung des Eisernen Stegs (1992/93) installiert.

Für Autos wurde zuletzt 1964 eine Brücke in Betrieb genommen - die Kaiserleibrücke - als Stück der Autobahn 661 (Oberursel - Egelsbach).

So etwas ist ungewöhnlich, so etwas kann dauern. Besonders in der Startphase, wenn jeder Handgriff tausendmal überprüft wird. Da können die Scharen der Neugierigen an beiden Ufern lernen, was es heißt, Geduld zu haben. Die Medienleute haben Sonderausweise, um näher ans Geschehen zu kommen. Doch das nutzt auch nichts, wenn nichts passiert. „Ich glaube sie bewegt sich!“, freut sich der Fotograf einer Nachrichtenagentur auf seinem Aussichtplatz auf der gesperrten Deutschherrnbrücke. Es ist kurz vor 12 Uhr - und tatsächlich, schaut man ganz genau hin, scheint sich das Riesenteil langsam zu drehen. Es muss aus seiner Position parallel zum Main in einen 90-Grad-Winkel zu dem Gewässer gebracht und anschließend auf Schwimm-Pontons geschoben werden. Man freut sich im Pressepulk.

Später wird sich herausstellen, dass sich um diese Zeit die Brücke keinen Haarbreit bewegte. Wegen statischer Prüfungen und Nachbesserungen an den Stahlträgern verzögerten sich die Arbeiten um Stunden.

Der verzweifelte Wunsch nach einer Form der Aktion

Es war wohl der verzweifelte Wunsch nach irgendeiner Form der Aktion, vielleicht aber auch die sengende Hitze, die die Schimären einer Bewegung im Hirn der Zuschauer hervorriefen. Tatsächlich begannen sich die Räder der jeweils 18-achsigen Schwerlast-Plattformen der Marke Karmag erst gegen 17.30 Uhr zu drehen, wie Peter Kowalski vom Amt für Straßenbau und Erschließung berichtete. Etwas nach 20 Uhr war dann die Brücke geschwenkt und lag auf dem ersten Ponton auf.

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Offenbach drohte mit einer Klage

Die vorsichtige Reise der neuen Mainbrücke war trotz der Verzögerungen eine willkommene Abwechslung für alle zu Hause gebliebenen Urlauber und viele Rentnergruppen. Bei Hochsommerwetter fanden sich schon am Vormittag mehrere hundert Schaulustige ein. Einige hatten Räder und Kinderwagen dabei, andere Ferngläser und Fotoapparate. Mancher machte es sich am Südufer bequem, neben einem Lazarettbus war hier ein Biergarten aufgebaut.

Nach 20 Uhr erreicht Brücke neue Position

Architekt Ferdinand Heide, der Vater der neuen Mainbrücke, beobachtete den ganzen Tag die komplizierte Verlagerung.

Glücklich, wer kräftige Beine oder einen Klappstuhl mitgebracht hatte: Am Ende war es doch schon nach 20 Uhr, als die Brücke ihre neue Position erreichte. „Die Spezialfirma Sarens hat elf Plattformen zu zwei Verbänden zusammengekoppelt. Auf denen ruhen je 1400 Tonnen“, sagte Diplomingenieur Peter Kowalski. Allein 600 Tonnen wiegen die zusätzlichen Träger, die der Brücke bei ihrer Reise Stabilität verleihen sollen, und die Stützen zwischen der Brücke und den mobilen Plattformen. Beides benötigt man nur vorübergehend. Insgesamt sind an der Reise des 175 Meter langen, 24 Meter breiten und 21 Meter hohen Bauwerk knapp 20 Arbeiter beteiligt. Alles andere ist Hightech und Hydraulik. Sarens arbeitet als Subunternehmer der Baufirma Max Bögl. Insgesamt kosten Bau und Aufstellen der neuen Brücke 42 Millionen Euro.

Bauleute stehen in permanenter Verbindung zum Wetteramt

Sorge bereitet den „Brückenschiffern“ das Wetter. Die Lage ist instabil. Für heute sind Gewitter angesagt. Gestern blieb der Himmel ruhig. „Die Bauleute stehen in permanenter Verbindung zum Offenbacher Wetteramt“, berichtet Susanne Kurzius vom Straßenbauamt. Man fürchtet das Gewitter nicht so sehr wegen Regen und Blitz, sondern wegen des Windes: Befindet sich die Brücke noch auf dem Land, liegt das Limit bei 18 Meter pro Sekunde. Auf dem Wasser sind es zehn Meter. „Damit wir gewappnet sind, verschweißen wir die Stützen der Kamags mit der Brücke. So kann es nicht passieren, dass die Sache bei Schwingungen instabil wird“, sagt Kowalski. Die Kamags, die die Brücke nicht nur anheben und drehen, sondern auch in Richtung Ufer zu den riesigen Pontonverbänden fahren, werden von zwei Fahrern gesteuert. Jede Achse passt sich automatisch dem Untergrund so an, dass die Brücke immer genau waagrecht bleibt.

Er trägt als einziger ein weißes Hemd und eine fröhliche Miene: Ferdinand Heide, geistiger Vater der Osthafenbrücke. „Natürlich bin ich aufgeregt und gespannt, sagt der Frankfurter Architekt. So etwas mache man ja nicht jeden Tag. Auch wenn das ein „erprobtes Verfahren“ sei. „Wenn alles klappt, ruht die Brücke am Mittwochmittag in ihren neuen Widerlagern, und wir, die Planer, werden mit den Männern vom Bau über die neue Brücke gehen. Darauf freue ich mich“, sagt Heide. Im nächsten Sommer soll die neue Brücke dann auch allen anderen Menschen den Seitenwechsel ermöglichen.

Brückenschlag geht weiter

Der Frankfurter Brückenschlag ist am Dienstagmorgen in die nächste Runde gegangen. Die Arbeiten an der neuen Main-Brücke seien planmäßig fortgesetzt worden, sagte Susanne Kurzius von der Stadt Frankfurt. Der Main war nach Angaben der Wasserschutzpolizei am Morgen von fünf Uhr an im Bereich des Brückenschlags für die Schifffahrt gesperrt worden. Die Brücke soll am Dienstag in die Flussmitte geschoben werden. Mit Hilfe zweier schwimmender Pontons soll der 2200 Tonnen schwere Stahlkoloss dann nach und nach in seiner Position platziert werden.

Das spektakuläre Manöver soll ohne Unterbrechung die ganze Nacht bis Mittwochmittag dauern. Dann ist die Brücke voraussichtlich in ihrer endgültigen Position, Ankerseile und Pontons können dann entfernt werden. Befahrbar ist die Osthafenbrücke aber erst in etwa einem Jahr.

Das Wetter könnte am heutigen Dienstag möglicherweise noch die Arbeiten erschweren, weil mit Gewittern gerechnet werden muss. Wenn diese von kräftigen Böen begleitet werden, könnte es problematisch werden.

Quelle: op-online.de

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