Otto Normalsurfer im Visier Krimineller

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So sehen Lesegeräte für Handys aus.

Wiesbaden - Volker Bouffier scheint wahrlich vorsichtig mit seinen persönlichen Daten umzugehen. In „Social Communities“, also „Sozialen Netzwerken“ im Internet, dürfte sich der Hessische Innenminister jedenfalls nicht herumtreiben: Von Jens Dörr

Nur so ist es zu erklären, warum dem sonst so redegewandten Politiker der Fauxpas unterlief, das bekannte, millionenfach genutzte deutsche Netzwerk „Wer kennt wen“ in einer Rede als „Wer ist wer“ zu betiteln. Was Bouffier jüngst aber nicht davon abhielt, in einer Informationsveranstaltung im Hessischen Landeskriminalamt (HLKA) zum Thema Cyberkriminalität kundig über den „Datenexhibitionismus“ seiner Mitbürger im World Wide Web zu sprechen.

Dabei sind die Grundaussagen Bouffiers nicht von der Hand zu weisen: Laut Statistischem Landesamt verfügen aktuell rund 80 Prozent aller hessischen Haushalte über einen Personalcomputer. Ein Großteil der Besitzer nutzt dabei auch das Internet, auf alle Deutschen berechnet kaufen dort zwei von fünf Menschen ein. Kein Wunder, dass das Internet nicht nur ein Wachstumsmarkt, sondern auch „Spielwiese für Kriminelle“ ist, wie es Bouffier bezeichnet. „Wir sind“, so Bouffier – und das sollte auch die Botschaft des Ortstermins im HLKA sein - „aber nicht wehrlos gegen die Cyberkriminalität.“

Kriminaloberkommissar Timo Schneider hält im Landeskriminalamt (LKA) in Wiesbaden eine Festplatte in den Händen. Schneider ist ein Spezialist für die Wiederherstellung und Analyse von Daten. Er gehört zu jenen etwa 100 hessischen Polizeibeamten, die als Cybercops Internet-Kriminalität aufklären wollen.

Um dies zu verdeutlichen, präsentiert das HLKA um seinen Präsident Peter Raisch beim Ortstermin im Wiesbadener Behördenviertel die ganze Bandbreite des Verbrechens im Internet - und die Strategie sowie Methoden der hessischen Ermittler, dagegen vorzugehen. Viel Geld und Personal stelle man dafür bereit. Drastisch drückt sich Raisch etwa im Bezug auf Kinderpornografie aus. Die sei ein echter „Markt“ und keine „Nische“; 2008 seien alleine in Hessen rund 1000 Tatverdächtige ermittelt worden. Dabei könne jeder Besitzer eines Internetanschlusses in eine prekäre Situation geraten: Über sogenannte Botnetze verschleiern Täter ihre Spuren, verbreiten – unter anderem – kinderpornografisches Material über fremde Rechner und stellen Software illegal auf fremden Webseiten zum Download bereit. „Erst dann, wenn die Polizei vor der Tür steht, merkt der Rechnerbesitzer, dass er nicht der alleinige Benutzer seines Computers ist“, sagt Raisch. Die Täter agierten teils vom Ausland aus.

In einem solchen Fall gehen die Experten des HLKA wie folgt vor:

Die Ermittler besorgen sich zunächst die Logfiles des Internet-Anbieters. Logfiles sind Protokolldateien auf den Internet-Servern des Anbieters. Mit den Protokolldateien können die Aktivitäten rund um eine Website nachvollzogen und ausgelesen werden, zum Beispiel das Einloggen über einen Seitenzugang. Die Ermittlung der IP-Adresse spielt ebenso eine wichtige Rolle – über sie kann der Internet-Anbieter ermittelt werden, der die Adresse einem seiner Kunden zuordnet.

Den Durchsuchungsbefehl beantragen die Fahnder letztlich beim zuständigen Amtsgericht, ehe es zur Beschlagnahmung des Rechners und der Kopie der Daten kommt. Zwei Wochen kann der eigene Rechner dann schon mal weg sein. Wird festgestellt, dass der Rechner-Besitzer offensichtlich nicht selbst zum Beispiel kinderpornografisches Material oder urheberrechtlich geschützte Werke feilgeboten hat, liegt die Vermutung nahe, dass ein Hacker am Werk war. Die Spezialisten des HLKA, bei dem Kriminalisten und Informatiker Hand in Hand arbeiten und sich ergänzen, untersuchen dann etwa den mitgeschnittenen Netzwerkverkehr. Hierbei können sie beispielsweise feststellen, ob Drahtlosnetzwerke entschlüsselt wurden.

Im Datenstrom der Bits und Bytes lauern derweil – neben zahlreichen angenehmen Effekten und Mehrwerten - noch etliche andere Gefahren. Das Ausspähen von Kreditkartendaten und Benutzernamen sowie Passwörtern gehört dazu. Beim „Phishing“ kommt es dem Kriminellen darauf an, beispielsweise an Zugangsdaten für das Online-Banking des Opfers zu gelangen. Um auf Kosten argloser Menschen auf Shopping-Tour gehen zu können, versenden die Täter E-Mails und Nachrichten über „Instant Messenger“ wie ICQ oder MSN, die die Opfer auf Webseiten lotsen sollen, wo sie Daten hinterlassen. Die Webseiten täuschen oft seriöse Angebote vor, werden aber von den Tätern einzig mit dem Ziel ins Netz gestellt, um dort Login-Daten zu registrieren und diese später zu missbrauchen. „Da ist inzwischen übrigens der kleine Mann ins Fadenkreuz international operierender Banden gerückt“, betont LKA-Präsident Raisch.

Drolliger Begriff für üble Schandtaten

Fast drollig wirkt unterdessen ein noch neuerer Begriff aus dem Wortschatz der Online-Kriminologen: „Happy Slapping“. Dahinter verbergen sich jedoch üble Schandtaten: Beim „Happy Slapping“ filmen besonders Jugendliche ihre eigenen Gewalttaten, die sie oft in der Gruppe gegenüber Einzelpersonen ausüben: Diese Filme stellen sie bei Videoportalen ein. „Das Internet ist in diesem Zusammenhang eine Chance zur Machtdemonstration“, weiß auch Kriminalhauptkommissar Axel Schröder. Die Gewalttat endet für das Opfer also nicht in dem Moment, wo es auf dem Boden liegt und sich die Täter trollen. Sie geht auf digitalem Weg noch weiter. Hierbei müsse man vor allem auf Prävention setzen, betont Schröder, was aber etwas hilflos klingt. Denn „Happy Slapping“ kann nur verhindert werden, wenn keine Gewalttaten geschehen. Filmen kann heute jeder mit dem Handy, die Videos ins Netz einstellen dank Youtube und Co auch.

Was nach Zahlenwirrwarr aussieht, ist der Datenaustausch in einem schlecht gesicherten privaten W-Lan-Netzwerk.

Apropos Handy: Das birgt für den Nutzer von internetfähigen Mobiltelefonen ein weiteres Risiko des Datenmissbrauchs, ist für die Ermittler aber dank forensischer Auslesung der Daten – bei entsprechendem Verdacht – eine weitere Fahndungsmöglichkeit. Die Cybercops, die es in allen sieben hessischen Polizeipräsidien gibt – insgesamt rund 100 auf Cyberkriminalität spezialisierte Beamte – erhalten durch die mobile Datennutzung zusätzliche Aufklärungschancen.
Daneben macht gerade jungen Menschen vermehrt das „Cybermobbing“ zu schaffen: Die betroffenen Personen werden meist in Netzwerken wie „Facebook“ oder „ Wer kennt wen“ durch Beleidigungen oder entwürdigende Fotos gemobbt, was sich oft nur schwer stoppen lässt. Ein weiteres ausuferndes – oftmals besonders übles – Phänomen, das über kompromittierende Partyfotos, die ein potenzieller späterer Arbeitgeber entdecken könnte, noch hinausgeht.

Zwei Dinge lassen sich zu all diesen Formen der Kriminalität im Internet im Brennglas fokussieren. Erstens: „Die Grenzenlosigkeit des World Wide Web bringt nicht nur Vorteile“, sagt LKA-Chef Raisch. Die Internetkriminalität werde für die Polizei zu einer der größten Herausforderungen für die kommenden Jahre, auch wenn diese in Hessen seit 2007 verstärkt bekämpft werde.

Und zweitens, ebenfalls O-Ton Raisch: „Technische Absicherung alleine ist längst nicht mehr ausreichend.“ Das Anti-Viren-Paket müsse vor allem durch einen vorsichtigen Umgang mit den eigenen Daten kombiniert werden. Wenn die einmal im Umlauf sind, können sie nur schwer wieder gelöscht werden. Das Netz vergisst nichts.

Quelle: op-online.de

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