Pakt schafft Dialog statt Misstrauen

Wiesbaden ‐ Anfangs war Jeanine Rudolph skeptisch. Doch heute, sechs Jahre nach dem Stadtverordnetenbeschluss und drei Jahre nach Inkrafttreten der ersten Integrationsvereinbarung einer Stadt mit ihren muslimischen Gemeinden, gehört die Leiterin der Integrationsabteilung im Rathaus zu den Verfechterinnen des siebenseitigen Papiers. Von Petra Wettlaufer-Pohl

„Das Wichtigste waren die Diskussionen zu Beginn. Es ist in Wiesbaden noch nie so intensiv und offen über Integration gesprochen worden wie in dieser Phase.“

Die muslimischen Gemeinden vor Ort waren zunächst misstrauisch, auch heute machen noch nicht alle mit. Doch je deutlicher wurde, dass die Stadt Wiesbaden als Partner mit ihnen verhandeln wollte, desto intensiver wurde der Dialog. Neun Vereine schlossen sich damals zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammen, um ihre Anliegen zu vertreten. Ihr Sprecher Said Nasri vom Islamischen Kulturverein im Wiesbadener Stadtteil Mainz-Kostheim ist heute sehr zufrieden: „Es ist eine ganz andere Struktur entstanden, wir sprechen auf Augenhöhe und schaffen es so, viele Probleme zu lösen, in den Schulen zum Beispiel oder auch beim Moscheebau.“

Aufgabe der Vereine sei es aber nicht nur, gegenüber der Stadt aufzutreten, „wir müssen auch unseren Leuten sagen, was geht und was nicht geht.“ Zu betonen, dass hierzulande die Scharia nicht gilt, findet Nasri allerdings höchst überflüssig: „Ich kenne keinen, der das anders sieht.“

„Vorgespräche wichtig - Idee nicht einfach nur übernehmen“

Auch Abdül Akpinar, Sprecher einer türkischen Gemeinde, sieht die Vereinbarung als „gefestigtes Fundament“ für gemeinsame Integrationsprojekte.

Auslöser für die Vereinbarung waren Probleme mit dem Moscheebau, wie sie vielerorts vorkommen. Heute, so Rudolph, beginne man rechtzeitig, darüber zu reden. Die Partner in den Gemeinden reagieren ihrerseits: Die neue Omar-Ibdul-Khattab-Gemeinde in Biebrich etwa hat mit Rücksicht auf die Anwohner bewusst auf ein Minarett verzichtet. Ohne die Vereinbarung“, so Nasri, „würde vieles hier nicht funktionieren.“

Positiv wirkte sich das Papier auch aus, als Gemeinden fundamentalistische Wanderprediger einladen wollten. „Wir haben klar gesagt, dass das gegen die Vereinbarung verstößt“, so Rudolph. Seitdem sind die Türen der Moscheen für diese Leute geschlossen. Ihr andernorts zu verzeichnender Zulauf offenbare aber ein Problem: „Diese Prediger leben hier, kennen die Probleme der Jugendlichen und sprechen im Gegensatz zu vielen Imamen Deutsch, das nutzen sie aus.“

Jeanine Rudolph, die auch aus anderen Städten Anfragen erhält, warnt davor zu glauben, man könne die Vereinbarung einfach übernehmen: „Bei uns war der Weg dorthin schon ein Teil des Erfolgs, den Weg muss jede Stadt deshalb für sich gehen.“

Vereinbarung  zur Integration

Die im Jahre 2007 in Kraft getretene Integrationsvereinbarung der Stadt Wiesbaden mit inzwischen zwölf muslimischen Gemeinden ist in dieser Form noch einmalig. In den elf Paragrafen der Vereinbarung finden sich ein Bekenntnis zu Grundgesetz und Rechtsstaat, zur Trennung von Staat und Religion sowie zur Gleichberechtigung von Mann und Frau. Politisch oder religiös motivierte Gewalt wird ebenso abgelehnt wie Fremdenfeindlichkeit. All dies wird wohlgemerkt nicht nur von den Muslimen verlangt, sondern ist von beiden Seiten unterschrieben. Die Gemeinden verpflichten sich unter anderem dazu, dass ihre Veranstaltungen öffentlich sind und dass sie für Sprachkurse werben. Die Stadt wiederum fördert die interkulturelle Kompetenz ihrer Beschäftigten, unterstützt die Gemeinden bei der Einrichtung von Moscheen und initiiert Integrationsprojekte, zum Beispiel bildet sie zur Zeit mit Unterstützung der EU ehrenamtliche muslimische Seelsorger aus, die sich um kranke und alte Muslime kümmern. (wet)

Quelle: op-online.de

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