„Panik vermeiden“

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Margit Grohmann vom Sozialdienst katholischer Frauen

Frankfurt - Babyklappen - viele Mütter in Not sehen sie als letzten Ausweg, um ihr Neugeborenes unerkannt abzugeben. Doch die Einrichtungen bleiben umstritten. 16 Baby-Tötungen hat die Kinderschutzorganisation Terre des Hommes 2011 in Deutschland registriert, sieben in Städten mit Klappen.

Auch eine Studie des Deutschen Jugend-Instituts kritisierte die Einrichtungen. Diskutiert wird jetzt über das Modell der „vertraulichen Geburt“. Der Sozialdienst katholischer Frauen in Frankfurt (SkF) verfolgt ein Alternativprojekt. Unter der kostenfreien Telefonnummer 0800-7800900 der Aktion Moses können sich Frauen, die in der Gefahr stehen, ihr neugeborenes Kind auszusetzen oder zu töten, rund um die Uhr melden. Unser Redaktionsmitglied Peter Schulte-Holtey fragte bei SkF-Geschäftsführerin Margit Grohmann nach:.

Gibt es gute Argumente für die „vertrauliche Geburt“?

Das Angebot nur einer vertraulichen Geburt in der Klinik reicht nicht aus, die Kooperation mit einer Schwangerenberatungsstelle ist hier unerlässlich. Es ist wichtig, ein anonymes Beratungsgespräch anzubieten, statt nur die Möglichkeit, den Namen der Mutter zu hinterlegen. Entscheidend ist, die Frau vor der Geburt zu erreichen, um Panikreaktionen zu vermeiden.

Sie bieten ein Netzwerk an ...

Wir setzen auf ein vertrauliches Netzwerk der Hilfen für die einzelnen Frauen. So war es in unseren Moses-Fällen bislang stets möglich, dass der überwiegende Teil der Frauen die Anonymität aufgab und die Beraterin die notwendigen Schritte für eine geschützte medizinische Begleitung und für eine vertrauliche Adoptionsvermittlung begleiten konnte.

Manche Frauen wollen unbedingt anonym bleiben ...

In sechs von mittlerweile 21 Moses-Fällen war die Angst der Frauen vor Entdeckung so groß, dass sie sich nicht zu einer Aufgabe ihrer Anonymität entscheiden konnten. Für uns war es in diesen Fällen unumgänglich, die Begleitung auch anonym weiter wahrzunehmen, um die Frauen in einer ihre Existenz bedrohenden Situation nicht im Stich zu lassen. Wir sehen hier eine Gesetzeslücke, die diesen Frauen nach der Inanspruchnahme einer anonymen Beratung, die gesetzlich verankert ist, inkonsequenterweise eine weitere Hilfe versagt und sie in ihrer Notlage alleine lässt, wenn sie ihre Anonymität nicht aufgeben können oder wollen. Doppelt tragisch mutet es hier an, dass diese Frauen sich nicht nur in ihrem eigenen Umfeld nicht unterstützt, sondern existentiell bedroht und verfolgt fühlen. Daneben wird ihnen auch die Unterstützung der Gesellschaft versagt. Sie werden als verantwortungslose Rabenmütter abgestempelt, wie Kriminelle verfolgt, deren harte Bestrafung gefordert wird. Und dies, obwohl sie einem Kind das Recht auf Leben schenkten und es nicht abtrieben, was zwar auch rechtswidrig ist, aber straffrei bleibt. Im Verlauf der Jahre ist uns immer deutlicher geworden, dass nur ein dicht gewobenes Netz von Helfern in der Lage ist, eine solche Problematik, wie sie in der Arbeit in diesem Problemfeld auftaucht, aufzufangen.

Darf die Gesellschaft denn direkte oder indirekte Anreize bieten, Eltern aus ihrer Verantwortung zu entlassen?

Schwangere Frauen werden nicht aus der Verantwortung entlassen: Sie sind in höchster Not, haben einen moralischen, aber auch einen gesetzlichen Anspruch auf Hilfe. Wir haben in unserem Projekt charakteristische Gemeinsamkeiten festgestellt: Alle Frauen vermittelten das Gefühl des Alleinseins, der Vereinzelung. Gleichzeitig fehlten ihnen Informationen, wohin sie sich um Hilfe wenden könnten. Den ihnen bekannten Hilfen misstrauten sie, sie hatten Angst vor Entwertung oder Vorwürfen. Ein tiefgreifendes Gefühl der Überforderung durch ein Kind war in allen Fällen greifbar, verbunden mit dem eigenen Anspruch, es doch allein schaffen zu müssen. Und wir haben gemerkt, dass die Frauen in ihrer Kindheit oftmals keine sichere Bindung erlebt hatten. Was uns auch aufgefallen ist: Die Frauen ließen für sich selbst wenig Fürsorglichkeit erkennen, jedoch oft eine tiefe verantwortungsvolle Fürsorglichkeit für das Kind.

Sie haben ein eigenes Hilfsmodell entwickelt?

Wir haben ein Präventionskonzept der frühen Hilfen in unserem Familienzentrum Monikahaus in Frankfurt aufgebaut, u.a. wurde das Familien-Info-Café MoniKaffee eröffnet. Im Rahmen des Präventionsprojektes „Guter Start ins Leben“ stellen wir jungen Familien Hilfe zur Verfügung. Unsere Schwangerenberatung und Hebammenangebote erreichen frühzeitig schwangere Frauen begleiten junge Familien. Die Oma/Opa-Vermittlung führt junge Familien, die einen Großelternersatz suchen, und Senioren, die gerne eine junge Familie unterstützen möchten, zusammen. Und nicht zu vergessen: Ein „Notruf“ mit einem anonymen Beratungsangebot ist dabei wichtiger Bestandteil in einem umfassenden Hilfenetz für die Zielgruppe der Frauen, die in der Gefahr sind, ihr neugeborenes Kind auszusetzen oder zu töten, wie das Moses-Projekt gezeigt hat.

Quelle: op-online.de

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