Das Paradies ist ein Wohnwagen

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Sozialarbeiter Helmut Michaeli (r.) hat bei Thomas’ Wohnwagen nach dem Rechten gesehen.

Frankfurt - Einfach eingerichtet ist Thomas’ Zuflucht. Doch für den 55-Jährigen ist es das „Paradies“. Von Sonja Thelen

Seit gut einem Jahr lebt Thomas in dem zwar in die Jahre gekommenen, aber sauberen Wohnwagen, den ihm das Wohnwagenprojekt der Caritas Frankfurt zur Verfügung gestellt hat. „Es war die Erlösung von meinen Ängsten“, sagt der studierte Psychologe, der Pech in seinem Leben hatte, aber auch blöde Entscheidungen fällte: „Dann war ich ganz unten“.

Thomas’ Wohnwagen steht mit einem weiteren auf dem Gelände der katholischen Gemeinde St. Dionysius im Frankfurter Stadtteil Sindlingen. 24 solcher Wohnwagen gibt es über die ganze Stadt verteilt an 13 verschiedenen Standorten, berichtet Sozialarbeiter Helmut Michaeli. In der Regel schaut er einmal die Woche bei seinen Klienten vorbei, prüft, ob sie die Unterkunft in Schuss halten, wie es ihnen geht, ob sie Beratung brauchen. Heute ist Michaeli bei Thomas vorbeigekommen, um einige Details wegen des bevorstehenden Umzugs des 55-Jährigen zu klären, und was er vor dem Auszug noch im Wohnwagen in Ordnung zu bringen hat. Denn Thomas hat eine kleine Anderthalbzimmerwohnung im Ostend ergattert. Der Mietvertrag ist unterschrieben. In wenigen Tagen kann er in das Appartement und anfangen, es sich einzurichten.

Wohnwagen als Übergangslösung

Prinzipiell sind die Wohnwagen nur als provorische Übergangslösung für Menschen gedacht, die „meistens nur zwei Probleme haben: Sie haben kein Geld und kein Dach überm Kopf“, erläutert der 47-jährige Sozialarbeiter. Genau an dieses Klientel richtet sich das Hilfsangebot, das der Caritasverband als Kooperationsprojekt mit den Kirchengemeinden vor 20 Jahren auf die Beine gestellt hat. Damals, Anfang der 90er Jahre, war die Wohnungslosigkeit in Deutschland auf einem Höchststand. Allein in Frankfurt lebten über 300 Menschen auf der Straße. Wohnheime, Übergangsunterkünfte und dafür gemietete Hotelzimmer waren überfüllt. Im Winter wurden zusätzlich Zelte im Ostpark aufgestellt.

Das Wohnwagenprojekt entstand eher zufällig, als ein Wohnungsloser in einer öffentlichen Toilette übernachtete - für ihn musste schnell eine andere Lösung gefunden werden. Ulrich Schäferbarthold von der Caritas hatte die Idee und setzte sie kurz entschlossen in die Tat um: Das Sozialamt der Stadt reagierte unbürokratisch und finanzierte die Anschaffung des ersten Wohnwagens. Aus der spontanen Idee wurde ein Konzept: In Zusammenarbeit mit den Frankfurter Kirchengemeinden gelang es im Lauf der Jahre, 24 Wohnplätze in Wohnwagen zu schaffen. Aber nicht nur das: Durch den engen Kontakt zu den Menschen in den Kirchengemeinden fanden Wohnwagenbewohner immer wieder eine eigene Wohnung und Arbeit.

Kirchengemeinden schafften 24 Wohnplätze

Auch bei Thomas geht es stetig bergauf. Er hat nun wieder eine Wohnung und bereits seit November einen Job. Fünf, sechs Stunden arbeitet er am Tag. Eine Tätigkeit, die eine regelmäßige Struktur in sein Leben bringt. Für Sozialarbeiter Helmut Michaeli war der 55-Jährige genau der richtige Klient, um ihm einen vorübergehenden Wohnplatz in einem der Wohnwagen zu vermitteln: psychisch stabil, reflektiert, zuverlässig, selbständig, keine Suchterkrankung.

Für Thomas war das Wohnwagen-Projekt ein Sprungbrett.

Aber trotzdem war Thomas im Herbst 2010 ganz unten angekommen. Er war verzweifelt, wusste nicht, wie es bloß weitergehen soll. Bei unserem Besuch in seinem Wohnwagen erzählt er von den vergangenen Jahren. Auch wenn er heute den Wohnwagen als ein „Paradies“ bezeichnet, so hat es Thomas vermieden, dieser Zuflucht eine persönliche Note zu geben. „Für mich hatte der immer etwas Provisorisches. Nur ein paar technische Sachen habe ich mir angeschafft“, erzählt er, während er sich Tabak aus einer Dose nimmt, auf ein Blättchen Papier ausbreitet und sich eine Zigarette dreht.

Mit zehn Euro in der Tasche Neustart in Frankfurt

Nach seinem Psychologiestudium hatte eigentlich alles verheißungsvoll angefangen. Aus seiner Leidenschaft für Computer machte er seinen Beruf, arbeitete in München bei einem Beratungsunternehmen, verdiente sehr ordentlich. Bis 2002 die IT-Blase platzte. Er verlor seinen Job, stand ohne einen IT-Abschluss mit nur zwei Zeugnissen auf der Straße. Aber statt den Kopf in den Sand zu stecken, machte er sich selbstständig, steckte sein ganzes Geld in das Projekt. Doch die Firma floppte. Mit seinen restlichen Habseligkeiten machte er sich zu den Philippinen auf, wo er eine Freundin hatte. Irgendwann war er völlig pleite. Ihm war klar, dass er auf den Philippinen keine Zukunft hatte. Er musste zurück nach Deutschland. Er knüpfte Kontakt zur deutschen Botschaft in Manila. Die besorgte über Verwandte Geld für ein Flugticket. „Dann gab mir der Mann von der Botschaft zehn Euro. Das war alles, was ich noch hatte“, erzählt er.

Er strandete in Frankfurt. Die ersten Wochen verbrachte er abwechselnd in verschiedenen Obdachlosenunterkünften. „Ständig kreisen dann deine Gedanken darum, wo man die nächste Nacht oder die nächste Woche unterkommt.“ Er erfuhr von dem Wohnwagenprojekt, traf sich mit Helmut Michaeli und hatte Glück. „Ich hätte nie gedacht, dass ich so schnell vermittelt werde.“ Aber so geschah’s. „Ich hatte wieder eine Perspektive, obwohl ich gedacht hatte, für mich ist schon Endstation.“

Quelle: op-online.de

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