Patti Smith - die freie Radikale

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Frankfurt - „Horses“, das 1975 erschienene Debüt von Patti Smith, war kein Verkaufshit. Doch es gilt bis heute als eines der einflussreichsten Alben der Musikgeschichte, weil es damals nicht nur der selbstgefällig gewordenen Rockmusik in den Hintern trat, sondern auch Punk und New Wave den Weg bereitete. Von Christian Riethmüller 

Die Ankündigung, dieses Werk 40 Jahre später vom ersten bis zum letzten Ton auf der Bühne der Alten Oper Frankfurt vorgeführt zu bekommen, ließ allerdings doch erst an einen Fall fürs Museum denken - wäre da nicht Patti Smith. Die „Patin des Punk“ ist zwar mittlerweile 68 Jahre alt, Großmutter und lebende Legende, doch eben nicht saturierte Großkünstlerin, sondern immer noch die Schamanin, die um das Elixier Rock’n’Roll weiß, das unser aller Leben retten kann.

Und das Publikum will sich retten lassen, skandiert gleich beim ersten Song die magischen Buchstaben „G.L.O.R.I.A.“ und fällt in die abschließenden Zeilen ein „Jesus died for somebody’s sins, but not mine“. Danach gleich weiter mit „Redondo Beach“, gefolgt vom elegischen „Birdland“, dessen längeren Poesieteil Smith vom Blatt abliest, um schließlich zum energetischen „Free Money“ zu gelangen, diesem sonisch-psychedelischen Wahnsinn, den man in dieser von Patti Smiths Band scharf akzentuierten Version am liebsten gleich in Dauerrotation hören würde. Doch dann ist das Songmaterial von Seite A ausgespielt und man müsse nun die Platte umdrehen, gibt Smith lächelnd zu bedenken, bevor sie über „Kimberley“, „Break it up“ und dem langen „Land“ hin zur Jimi Hendrix gewidmeten „Elegie“ gelangt, die Smith schon immer zur Reminiszenz an teure Tote nutzte und diesmal vor allem an den vor wenigen Tagen verstorbenen Jazz-Giganten Ornette Coleman erinnert, einen freien Radikalen wie sie selbst.

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Sich die Haltung des frei denkenden Menschen bewahrt zu haben und diese mit jeder Faser des Körpers auszustrahlen, ist das Faszinosum an Patti Smiths umjubeltem Auftritt, der deshalb nie in den Ruch einer Nostalgie-Veranstaltung geraten ist. Hier sind die „Horses“ immer noch wild.

Quelle: op-online.de

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