Offenbach passt hervorragend

Peter Cachola Schmal über „Arrival Cities“

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Peter Cachola Schmal konzipiert mit den Kuratoren Anna Scheuermann und Oliver Elser (v.l.) den deutschen Pavillon.

Frankfurt -  Peter Cachola Schmal ist seit 2006 Direktor des Deutschen Architekturmuseums (DAM) in Frankfurt. Gemeinsam mit den DAM-Kuratoren Anna Scheuermann und Oliver Elser gestaltet er den deutschen Pavillon bei der diesjährigen Architekturbiennale in Venedig. Von Stefan Michalzik 

„Making Heimat. Germany, Arrival Country“ hat er zum Thema gemacht. Unter anderem soll Offenbach exemplarisch als „Arrival City“ präsentiert werden, als Stadt der Ankunft. Schmal, 1960 in Altötting geboren, ist aufgewachsen in Multan (Pakistan) und Mülheim an der Ruhr. Acht Jahre lang hat er in Offenbach gewohnt, heute lebt er in Frankfurt.

Bauen für eine große Zahl von Menschen, die praktisch mit einem Schlag nach Deutschland kommen – worum geht es da?

Bisher sind die Menschen vorwiegend im Bestand untergebracht worden. Das wird ein Ende haben. Wenn die Kapazitäten erschöpft sind, wird gebaut. In Venedig wollen wir fünfzig Häuser für Flüchtlinge vorstellen, die bundesweit entstanden sind oder sich in Bau befinden, in allen Größenordnungen. Da können Entscheidungsträger aus der Politik Angebote, Baumethoden und Preise vergleichen. Es wird versucht, unter 1 500 Euro pro Quadratmeter zu bauen, meist in Holzmodulbauweise.

„Making Heimat“: Was heißt das?

Viele Flüchtlinge werden bleiben und ihr Leben in ihrer neuen Heimat neu begründen, andere wieder gehen, wenn sich die Lage in ihrem Heimatland stabilisiert hat. Wie viele und wann, das wissen wir nicht. Eine dritte Gruppe wird beides tun: Sie pendeln und machen Geschäfte zwischen den Ländern.

Welche Anforderungen kommen auf Deutschland mit Blick auf den Wohnungsmarkt zu?

Wenn die Flüchtlinge anerkannt sind, haben sie das Recht, sich frei in der EU zu bewegen und sich Arbeit zu suchen. Sie werden entweder vor Ort bleiben oder woanders hingehen, zum Beispiel an einen Ort, an dem sie ein ethnisches Netzwerk vorfinden. Das ist der Moment des Wechsels in den normalen Wohnungsmarkt.

Auf dem die Lage vielerorts ohnehin angespannt ist.

Das ist nur möglich, wenn der Wohnungsmarkt in Ordnung ist. In Frankfurt ist das nicht der Fall. Der untere, kostengünstige Teil ist recht dicht, und dem mittleren droht das bald auch. Wenn der Wohnungsmarkt den Zustrom nicht absorbiert, gibt es ein Problem. Dann verstopft das System, die Sammelunterkünfte werden nicht frei für Flüchtlinge aus Erstaufnahmelagern. Hinter der Flüchtlingskrise kommt die Wohnungskrise hervor.

Was muss geschehen?

Die Politik muss massenweise bezahlbare Wohnungen für die Mittelklasse bauen, um den Markt zu entlasten. Das ist in den letzten Jahrzehnten versäumt worden. Es führt nichts am Bau von neuen Wohnsiedlungen vorbei.

Welche Rolle kommt bei alledem Offenbach zu?

In Offenbach findet man günstigen Wohnraum. Deshalb ziehen mehr und mehr Frankfurter dorthin. Das sind nicht nur die Hartz-IV-Empfänger, Frankfurt exportiert auch langsam seine Mittelschicht, was Offenbach guttun wird.

Weshalb haben sie gerade Offenbach als Ort exemplarisch ausgewählt?

Offenbach passt hervorragend in das Szenario der „Arrival Cities“ im Sinne des gleichnamigen Buches von dem kanadischen Journalisten Doug Saunders, der unser Berater ist. Es ist eine funktionierende Ankunftsstadt.

Wie sehen die Bedingungen dafür aus?

Offenbach ist hervorragend mit den öffentlichen Verkehrsmitteln angebunden. Es gibt billige Mieten in kurzer Entfernung zu den Arbeitsplätzen. Und es gibt ethnische Netzwerke.

Ankunftsstädte, dahinter steht auch die Idee, dass Deutschland auf Dauer ein Einwanderungsland wird?

Ja. Wir sollten von den klassischen Einwanderungsländern wie USA, Kanada und Australien lernen. Einwanderung muss geregelt werden: Kann man das von seinem Heimatland aus einleiten und dann mit dem Flugzeug kommen oder muss man erst auf lebensgefährliche Weise geschmuggelt werden?

Da geht es nicht nur um Asyl wegen politischer Verfolgung oder Krieg?

Doug Saunders ist darüber verwundert gewesen, dass man in Europa von „Wirtschaftsflüchtlingen“ spricht, die als Asylanten zweiter Klasse eingestuft werden. In Kanada ist das die bevorzugte Gruppe, weil man sich sicher ist, dass diese Leute es schaffen werden. Dass sie in wenigen Jahren zur Mittelschicht gehören und Steuern zahlen. Hier gelten sie als Betrüger. Dabei braucht Deutschland Nachwuchs, im Handwerk, an den Hochschulen undsoweiter. Sonst wird das Land überaltern.

Wie optimistisch sind Sie, dass wir „es schaffen“, und zwar in einer guten Weise?

Eine Million Flüchtlinge im Jahr, das schafft Deutschland. Aber wenn die Stimmung in Deutschland schlechter wird, dann wird die Integration erst recht viel schwieriger. Die hysterischen Stimmen der anschwellenden Apokalypse nehmen beunruhigend zu. Wir rufen zu einem Deutschland des Willkommens auf, und wir hoffen, dass das nicht eine kurze historische Periode gewesen sein wird.

Quelle: op-online.de

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