Das Phänomen Nordend

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Attraktivität wird zum Fluch. „Gentrifizierung“ nennen Fachleute, was derzeit im Frankfurter Nordend abläuft. Weil der Stadtteil extrem beliebt ist, steigen die Mieten. Schwach- und Normalverdiener ziehen weg. Zurück bleibt ein „Ghetto für Reiche“ - die reizvolle Abwechslung ist weg.

Frankfurt - Eines kalten Wintermorgens wachte Familie Silber ohne Heizung auf. Einige Tage wärmten sie ihre Wohnung, die nie besonders komfortabel war, aber viel Altbau-Flair hatte, mit dem Backofen. Dann wurde das Gas für den Herd abgestellt. Von Sandra Trauner

Die Löcher, die der Heizungsbauer in den Boden schlug, wurden nicht mehr verschlossen. Die Tochter fand es lustig, in die Wohnung darunter zu blicken. Die Wohnung unter den Silbers war leer, wie das gesamte Haus im beliebten Frankfurter Nordend.

Nur 700 Euro Miete im Monat haben die Silbers für die knapp 100 Quadratmeter im Dachgeschoss bezahlt, für Frankfurt weit unter Durchschnitt. 2011 verkaufte die Besitzerin, eine alte Dame, das Haus an eine Immobilienfirma, die es aufwendig sanierte und die Wohnungen einzeln weiterverkaufte - für 400.000 bis 500.000 Euro. „An dem Haus war auch 30 Jahre nichts gemacht worden, daher war das so günstig“, sagt Katrin Silber. „Jetzt ist es das genaue Gegenteil: luxuriös, aber nicht mehr zu bezahlen.“ Die Familie zog um, ins Ostend, wie so viele Nordendler, die sich die neuen Mieten nicht mehr leisten können.

Um mehr als zehn Prozent sind die Preise seit 2003 in dem Quartier gestiegen, sagt der Frankfurter Geschäftsführer der Immobilienmakler Engel & Völkers, Stefan Niedermeier: Neubau-Wohnungen ebenso wie sanierte Altbauten gebe es nicht mehr unter 14 Euro pro Quadratmeter. Das Nordend schließe auf zu Toplagen wie dem Westhafen, wo nichts unter 20 Euro zu haben ist. Die Nachfrage sei „sehr stark“, das Angebot begrenzt: „Da greifen die normalen Marktmechanismen.“

„Gentrifizierung“ im Nordend

Im Nordend kennt heute wohl jeder das Wort, das bis vor einigen Jahren Berlin vorbehalten war: „Gentrifizierung“. Gemeint ist das Aufwerten von Stadtvierteln und in der Folge die Verdrängung einkommensschwacher Bewohner. Diese Entwicklung ist für beide Enden des Einkommensspektrums von Nachteil, glaubt Prof. Martina Löw, die sich als Soziologin an der TU Darmstadt mit Gentrifizierung beschäftigt. „Die Wohlhabenden und die Akademiker bleiben unter sich. Und wer wegziehen muss, muss immer weiter außerhalb suchen.“

Dadurch gehe dem Stadtteil genau das verloren, was ihn attraktiv macht: die Mischung aus Alt und Jung, Reich und Arm, Alteingesessenen und Migranten, schicken Cafés und Trinkhallen. „Das größte Problem der Gentrifizierung: Die Heterogenität des Stadtteils nimmt ab - das macht ihn langweilig.“ Die Stadt habe nur eine wirkungsvolle Handhabe, sagt die Professorin: „Dafür sorgen, dass nicht alle Wohnungen auf den freien Markt kommen“. Aber das sei schwer in Zeiten klammer Kassen.

In dem Viertel, in dem die Grünen stets die absolute Mehrheit bekommen, regt sich nur wenig Widerstand. Vor einiger Zeit wurde das Nordend mit Todesanzeigen und Grablichtern an den Bäumen symbolisch zu Grabe getragen, aber der Protest verebbte - ebenso wie der Streit um ein kinderfreies Café, der typisch war für die neuen Nordend-Bewohner: Latte-Macchiato-Mütter mit Bugaboo-Kinderwägen und Berufstätige, die das urbane Leben genießen wollen.

„Ein Ghetto für Reiche“

Die Stadt habe einige, aber zum Teil nur mittelbar und langfristig wirkende Einflussmöglichkeiten, sagt Dieter von Lüpke, der Leiter des Stadtplanungsamtes. Am vielversprechendsten: attraktive Neubaugebiete entwickeln oder weniger angesagte Stadtviertel aufwerten. Um die Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen zu verhindern, brauchte es neben einer „Milieuschutzsatzung“ eine Landesverordnung, die es in Hessen aber nicht gibt. Mit der auf die Zusammensetzung der Wohnbevölkerung bezogenen Erhaltungssatzung alleine könne man nur eine ausufernde Luxussanierung untersagen, nicht eine Anhebung auf normalen Neubau-Standard.

An welcher Stellschraube man dabei auch drehe, die Stadt habe fast immer einen „Zielkonflikt“, sagt von Lüpke. Um einkommensschwache Haushalte zu halten, könnte die Stadt in Gebieten mit Erhaltungssatzungen von ihrem Vorkaufsrecht Gebrauch machen und in den dann städtischen Wohnungen günstigen Wohnraum anbieten. Aber: Die Differenz aus hohem Preis und niedrigen Einnahmen zahlt der Steuerzahler.

„Das Nordend wird ein Ghetto für Reiche“, sagt Katrin Silber, obwohl sie und ihr Mann gut verdienen. Ihre neue Wohnung im Osten der Innenstadt ist auch nicht gerade billig. Das Ostend ist im Kommen - die Europäische Zentralbank baut hier, im Osthafen gibt es teuere Wohnungen direkt am Main, dahinter die Ausgehmeile Hanauer Landstraße. Katrin Silber sieht es schon kommen: „Das Ostend wird das neue Nordend.“

dpa

Quelle: op-online.de

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