Uferloser Aufwand

Rhein-Main - Auch im Studium wächst der Druck - und manch einer wird verführt. Denn Schummeln macht den Weg zum Abschluss mitunter einfacher. Von Martin Oversohl und Inga Radel

Fliegt die Sache aber auf, hat man seine Zukunft aufs Spiel gesetzt. Derzeit steht Karl-Theodor zu Guttenberg wegen Plagiatsvorwürfen unter Beschuss. Hessens Universitäten haben den Reiz zum Pfusch allerdings schon vor längerer Zeit erkannt - und wehren sich, wie eine Umfrage zeigt. Es sei „ein uferloser Arbeitsaufwand“, jede Haus- und Abschlussarbeit zum Abgleich durch spezielle Software zu jagen, sagt Prof. Reinhard Hoffmann, Vorsitzender der Kommission für Angelegenheiten wissenschaftlichen Fehlverhaltens an der Universität Marburg.

Solche Kommissionen für knifflige Fragen - oder zumindest sogenannte Ombudsmänner - gibt es inzwischen an praktisch jeder Hochschule im Land. Es werde bei Verdachtsfällen eingeschritten, sagt Chemie-Professor Hoffmann. „Wir haben erfahrene Hochschullehrer, die merken, wenn da etwas faul ist, zum Beispiel bei auffälligen Stil-Wechseln.“ Dann würden auch gezielt Computerprogramme eingesetzt.

Die meisten Arbeiten in Marburg würden bereits in digitaler Form verlangt. Pro Jahr gebe es etwa zwei bis drei Schummel-Fälle. In den vergangenen drei Jahren sei ein Doktortitel aberkannt worden. Nach Überzeugung von Prof. Ulrich Brandt (Frankfurter Goethe-Universität) geht es vor allem um den Umfang des Plagiats. „Die Frage ist: Betreffen die Passagen die Kernaussagen, also die wissenschaftliche Substanz der Arbeit“, sagt Brandt, der die Frankfurter Kommission zum Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten leitet.

„Es ist leichter zu kopieren und leichter nachzuprüfen“

CSU-Minister Guttenberg soll in seiner Dissertation zahlreiche fremde Textstellen verwendet haben, ohne sie korrekt anzugeben. Er wird seinen Doktortitel nicht führen, bis die Sache geklärt sind, wie er gestern sagte. Auch in Frankfurt schreitet die Kommission nur bei Verdachtsfällen ein, laut Brandt sind das pro Jahr ein bis zwei. Es gehe in der Regel um drei Arten von Vergehen: Autorenschafts-Dispute, Datenfälschungen und Plagiate. Letzteres sei in den Naturwissenschaften „natürlich unwahrscheinlicher, weil es da vor allem auf die experimentelle Basis ankommt“, sagt er. Brandt gibt selbst an der Goethe-Uni Doktoranden-Kurse, um darüber aufzuklären, was wissenschaftliches Fehlverhalten überhaupt ist. Solche Kurse gibt es im Marburg zum Beispiel im Fachbereich Medizin auch, jedoch nicht flächendeckend. Das Problem von Plagiaten in wissenschaftlichen Arbeiten ist nach Ansicht von Prof. Roland Schimmel von der Fachhochschule Frankfurt gewachsen. Es gibt nach seiner Erfahrung heute unter Studenten einen höheren Anteil als früher, der in Arbeiten abschreibt.

Ein Grund sei die moderne Technik. „Es wird natürlich durch diese gigantische Fundgrube Internet auch leichter.“ Studenten durchsuchten zunächst Google, Wikipedia oder Online-Datenbanken mit Diplomarbeiten, um sich Arbeit zu ersparen. „Nicht wenige fragen zuerst das Internet und gehen erst danach in die Bibliothek.“ Am Kasseler Fachbereich der Wirtschaftswissenschaften heißt es dagegen, die Zahl der Verdachtsfälle sei rückläufig. „Studierende wissen schließlich auch, dass es entsprechende Programme gibt, mit denen Plagiate identifiziert werden können“, sagt Sprecher Guido Rijkhoek. Und auch Prof. Brandt aus Frankfurt sagt, er habe nicht den Eindruck, dass die Studenten im Internetzeitalter „schlechtere Menschen“ seien. „Es ist leichter zu kopieren, aber auch leichter nachzuprüfen.“ Aber man müsse schon einen neuen Verhaltenskodex entwickeln. „Mein Graduierten-Workshop ist auch dazu da, ein Unrechtsbewusstsein zu fördern.“

dpa

Quelle: op-online.de

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