U20-Wettbewerb im Mousonturm

Poetry-Slam: Dichterrausch und Luftschlossbauer

Carina Bauerdorf

Frankfurt - Carina Bauerdorf  tritt beim U20-Poetry Slam im Mousonturm in Frankfurt auf. Für sie wird das Dichten zum Rausch. Von Eva-Maria Lill

Carina Bauerdorf möchte Sportjournalistin werden. Sie will mit Fußballer Thomas Müller die Weltmeisterschaft diskutieren, mit Lukas Podolski den Pokal feiern. Und am besten noch darüber dichten – vor Publikum. Poetry Slam nennt sich der Dichterwettstreit, der in den 90er Jahren in den USA entstand. Nichts für Kritikunfähige und Angsthasen: Auf einer Bühne tragen sechs bis zwölf Teilnehmer Selbstgeschriebenes vor und stellen sich anschließend der Bewertung des Publikums.

Neben kreativen Texten zählen auch Eloquenz und Vortragsweise. Maximal zehn Punkte gibt es für die Vorlage, ebenfalls zehn für die Performance. Hilfsmittel dürfen die Teilnehmer nicht verwenden, Kostüme oder Requisiten sind verboten. Zudem sollte ein durchschnittlicher Slam-Text die Vortragszeit von sieben Minuten nicht überschreiten. Aus den dreiköpfigen Vorrundengruppen kommt jeweils ein Dichter weiter und muss sich dann erneut mit einem Text gegen die Konkurrenz durchsetzen. Keine leichte Aufgabe für jugendliche Wortjongleure und ambitionierte Autoren. „Poetry Slam ist eine ganz eigene Herausforderung“, verrät Carina Bauerdorf. „Schließlich geht es nicht nur um den geschriebenen Text, sondern auch um den Auftritt.“

U20-Poetry Slam im Mousonturm in Frankfurt

Dank Dirk Huelstrunk ist das Hobby aus den Staaten auch in Hessen heimisch geworden. Der Sprachkünstler organisiert verschiedene Veranstaltungen, darunter einmal im Jahr den U20-Poetry Slam im Mousonturm in Frankfurt. Dazu gehört auch ein Workshop, in dem sich die Jugendlichen fit für die Bühne machen. Teilnehmen darf jeder, der Spaß am Dichten mitbringt. Carina Bauerdorf ist so jemand. Sie kommt ursprünglich aus München, studiert Anglistik und Französisch in Mainz.

Bühnenerfahrung sammelt sie hauptsächlich als Amateurschauspielerin, im Dichten ist sie mit ihren 19 Jahren schon ein alter Hase: Zwei Romane liegen daheim in der Schublade, ein Notizbuch hat sie immer dabei: „Das Handy ist kein Ort zum Schreiben“, rügt sie den Vorschlag, Stift und Papier gegen digitale Hilfsmittel zu tauschen. „Für mich ist Dichten beinahe wie ein Rausch, für den ich nicht mehr brauche als mein Notizbuch.“ Das Schreiben hat sie sich mit drei Jahren selbst beigebracht – „und gleich einem niedlichen Jungen einen Liebesbrief geschickt“, erzählt sie. Leider ziemlich erfolglos, schließlich konnte er noch nicht lesen.

Poetry Slam an der Leibnizschule

Vor ihrem Auftritt beim U20-Wettbewerb ist Bauerdorf dann doch nervös. Es ist immerhin ihr erster großer Slam-Auftritt in Hessen. Ihren Text über die Tücken des Werkunterrichts hat sie eigens für den Workshop geschrieben und bearbeitet. Tief unter der Wortoberfläche geht es in ihrem Beitrag um das Anderssein: ein aktuelles Thema, wie der U20-Wettbewerb enthüllt. Es wird nach Identität gesucht, nach Zugehörigkeit, hier undda auch nach Abgrenzung von der erwachsenen Fantasielosigkeit: Da werden Wolkenschlösser beschworen und graue Zeit diebe enttarnt. Im stickigen Dunkel des Mousonturms reicht es für Carina am Ende nicht ganz für die Krone.

Die erdichtet sich im „Szenevierteltakt der dunklen Stadt“ dann ein anderer: Samuel Kramer aus Offenbach. Obwohl Carina Bauerdorf über ihr Ausscheiden traurig ist, trägt sie es mit Fassung. Und wie heißt es so schön in ihrem Text: „Auch aus Steinen auf dem Weg lassen sich später Luftschlösser bauen.“ Für Samuel geht es hingegen im September nach Berlin zur Deutschen Meisterschaft. Ein Hesse an der Spree – hoffen wir mal, dass es ihm dort besser ergeht als dem guten alten Goethe. Dieser hatte bekanntermaßen wenig Liebe für die „ungehobelten“ Menschen in der Hauptstadt übrig.

Quelle: op-online.de

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