Zweite Razzia in Folge

Polizei schlägt erneut am Abend im Bahnhofsviertel zu

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Mit großangelegten Razzien ist die Polizei am Dienstag und gestern im Bahnhofsviertel von Frankfurt gegen Straßenkriminelle vorgegangen.

Frankfurt - Drogen, Trickdiebstähle und Prostitution auf der einen, trendige Szenelokale auf der anderen Seite. Zwei Gesichter eines Viertels, das über Frankfurts Grenzen hinaus bekannt ist. Jetzt hat die Polizei einmal mehr versucht, der kriminellen Seite des Quartiers ein Ende zu setzen. Von Ira Schaible

Das berüchtigte Frankfurter Bahnhofsviertel wird immer schicker, urbaner und lebenswerter. Der kleine, internationale Stadtteil bleibt aber ein Brennpunkt der Kriminalität. Aggressive Dealer machen Ladenbesitzern das Leben schwer. „Wir sind total froh, dass unser neuer Polizeipräsident da jetzt einmal reingehauen hat“, sagt der Präsident des Gewerbevereins Bahnhofsviertel, Oskar Mahler. Er meint eine Razzia am Dienstagabend, bei der rund 700 Menschen kontrolliert und 166 durchsucht wurden. Gestern wurde das Bahnhofsviertel erneut durchsucht. Etwa 100 Beamte überprüften unter anderem die Kaiserpassage und ein Wettbüro in  der Münchner Straße. Wegen mangelnder Hygiene wurden laut vorläufiger Bilanz der Polizei zwei von drei kontrollierten Lebensmittelläden in der Kaiserpassage geschlossen. Außerdem wurden Drogen- und Waffendelikte sowie ein nicht registrierter Kampfhund festgestellt. „Wir haben noch einmal nachgelegt“, sagte Sprecher Alexander Kießling.

Es sei die richtige Taktik, bei den aggressiven Dealern „Kante zu zeigen“, wie dies ein Polizeisprecher formulierte. Ein großer Schlag gegen die Kriminalität gelang den Polizisten von Stadt, Land und Bund bei ihren Aktionen allerdings nicht. Festgenommen wurde niemand. Die Beamten stellten am Dienstag 7000 Euro, Scheckkarten, einen getarnten Elektroschocker, Bolzenschneider, 160 unversteuerte Wodkaflaschen und sechs geklaute Fahrräder sicher. Mehreren Dealern nahmen sie kleinere Mengen Haschisch und Marihuana ab. Drei Gaststätten wurden wegen Hygienemängeln geschlossen. Ziel, so ein Polizeisprecher, sei die Verfolgung von Straftaten, aber auch die Verunsicherung von Straftätern gewesen. Gerade bei Raub und Körperverletzung gebe es eine Zunahme der Gewaltbereitschaft. Seit August 2015 habe man für den Bereich des Bahnhofsviertels eine Konzeption entwickelt, die auch stetige Kontrollen und Aufklärungsmaßnahmen vorsehe.

Gewerbetreibende in dem Viertel sehen die Polizeiaktion positiv. Sie klagen über viel zu viele Dealer, wollen aber nicht genannt werden. „Im letzten Jahr ist es ganz, ganz schlimm geworden“, sagt ein Geschäftsinhaber. „Hier stehen manchmal 40 Dealer vor dem Laden.“ Manch Alteingesessener denkt ans Aufgeben oder Umziehen. „Wir haben ein riesiges Dealerproblem“, sagt Mahler. „Das hat sich im letzten dreiviertel Jahr hochgeschaukelt.“

Wirtschafts- und Ordnungsdezernent Markus Frank (CDU) verweist auf die sanierte Kaiser- und Münchener Straße. Mit ihren Läden aus aller Welt und den zahlreichen Szenelokalen mit südländischem Flair seien beide inzwischen auch zum Wohnen sehr beliebt. Die Kehrseite: „Der Raum für Dealer ist kleiner geworden. Und der Kampf wird härter.“ Auch Mahler sagt: „Es gibt keine Leerstände mehr oder Nischen, wo die Leute rumlungern können.“ In der Zusammenarbeit mit der Stadt und der Polizei sei vieles besser geworden, betont Mahler. „Wir sind im Dialog mit der Stadt und sehr zufrieden.“ Allerdings: „Das Problem mit den aggressiven Dealern haben wir nicht in den Griff gekriegt.“ Sie schlügen sich gegenseitig „und treten so massiert auf, dass die Kunden wegbleiben“.

Bilder: Großrazzia im Bahnhofsviertel

Die Stadt wolle nach der Kaiser- und der Münchener Straße auch die anderen Straßen im Viertel für die Bürger zurückgewinnen, sagt Frank. „Das ist viel harte Arbeit und mehr ein Marathonlauf als eine Kurzstrecke.“ Außer der Polizeiarbeit gehörten Wirtschaftsförderung und Sozialarbeit dazu; denn drogenkranken Menschen solle in Frankfurt geholfen werden. Viele Umlandgemeinden kümmerten sich nicht um diese Menschen und verließen sich auf das Frankfurter Bahnhofsviertel mit seinen Einrichtungen, kritisiert er. Der stellvertretende Ortsvorsteher Helgo Müller (SPD), der 25 Jahre als Polizist in dem Viertel unterwegs war, verweist auf ein anderes Problem. Die Rauschgiftverkäufer hätten meist nur so kleine Mengen bei sich, dass die Verfahren gleich wieder eingestellt würden. Außerdem habe die Polizei gar nicht so viele Leute, um da ständig hinterher zu sein. Und: „Viele im Stadtteil fordern ja die Freigabe von Marihuana.“

Derzeit wird die Ecke Mosel-/Niddastraße verschönert. Den Anfang hat ein öffentliches Pissoir gemacht, das nach Ansicht von Mahler gut angenommen wird. Es werde viel Wert darauf gelegt, diese Ecke weiter zu verbessern, sagt Müller. „Es verbessert sich immer etwas, aber den großen Wurf wird es nicht geben, auch wenn hochpreisige Wohnungen dazu kommen.“ „Das Bahnhofsviertel ist eben der einzige großstädtische Teil Frankfurts“, sagt auch Mahler. „In London oder Paris verläuft sich das.“ Enttäuscht ist er von Schwarz-Grün in Wiesbaden: „Die Landesregierung überlässt alles der Stadt.“

dpa/mic

Quelle: op-online.de

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