Im gesunden Mittelfeld

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Achim Thiel: Sorgen macht ihm die Gewaltkriminalität.

Frankfurt - Frankfurt wird das Image der Kriminalitätshochburg einfach nicht ganz los - trotz aller Bemühungen. „Mich beunruhigt in Frankfurt gar nichts“, sagt Polizeipräsident Achim Thiel im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur.

Frankfurt wird immer wieder als Hochburg der Kriminalität bezeichnet, obwohl Polizei und Stadt seit Jahren darauf hinweisen, dass dies an der Art der Statistik liegt. Finden Ihre Argumente kein Gehör?

Das Bundeskriminalamt hat sich dem Thema gewidmet und auch erkannt, dass die Statistik - erfasste Straftaten geteilt durch die Zahl der Einwohner - ein völlig falsches Bild gibt. Wobei mir das weniger für die Polizei wehtut als für die Stadt Frankfurt. Als Profis wissen wir ja, dass die Lage nicht dramatisch ist. Aber für die Bevölkerung, die Besucher und den Wirtschaftsstandort ist das eine schwierige Headline, und gerade Ausländern, die nach Frankfurt kommen wollen, sind diese statistischen Feinheiten natürlich schwer zu vermitteln.

Wo steht Frankfurt denn, wenn man die Statistik beispielsweise um die vielen Delikte am Flughafen bereinigt?

Dann rangiert Frankfurt im gesunden Mittelfeld. Aber Zahlen sind natürlich auch immer eine polizeiliche Arbeitsstatistik. Wenn wir die Kontrollen intensivieren, haben wir auch höhere Zahlen. Deswegen brennt mir dieses Thema allgemein gesehen eigentlich nicht auf den Nägeln. Ich möchte die Kriminalität effektiv und nicht wegen der Statistik bekämpfen und dabei muss man Schwerpunkte setzen.

Welche Schwerpunkte setzen Sie derzeit? Bei den Wohnungseinbrüchen?

Auch bei den Wohnungseinbrüchen. Bei Einbrüchen ist der Schaden immens, allerdings weniger der materielle. Der große Schaden ist das Gefühl, dass ein Fremder in der Wohnung war. Viele Täter kommen aus dem Ausland, wie zum Beispiel aus Südosteuropa, vor allem aus Rumänien und Bulgarien, mit dem Auto, Zug oder Bus nach Deutschland. Insbesondere hier setzen wir an und kontrollieren umfangreich. Erst kürzlich konnten wir eine schwerwiegende Einbruchsserie aufklären. Erfreulicherweise hat sich die Aufklärungsquote in diesem Bereich weiter verbessert.

Viele Täter suchen sich doch auch gezielt alte Menschen als Opfer. Nimmt das zu?

Es tut mir sehr weh, wenn Einbrecher oder Trickdiebe alte Menschen um ihre ganze Rente bringen. Das kommt leider immer wieder vor. Die Fantasie der Täter ist da grenzenlos. Es gibt nichts, was es nicht gibt, um in eine Wohnung von älteren Menschen zu kommen. Wir sprechen die älteren Mitbürger immer wieder an, aber ihnen fehlt häufig ein gesundes Misstrauen. Deshalb versuchen wir auch, sie und ihr Umfeld zu sensibilisieren. Das ist aber ein schwieriger Weg. Wir möchten alte Menschen nicht unnötig belasten und nicht bei ihnen das Gefühl erzeugen, dass sie sich vor lauter Angst nicht mehr raus trauen. Viele haben eh schon zu wenig soziale Kontakte.

Wie entwickelt sich die Gewaltkriminalität in Frankfurt, die ja immer bei etwa drei Prozent der Delikte lag. Nimmt sie wieder zu?

Nicht die Quantität, sondern die Qualität macht uns ein wenig Sorgen. Überfälle werden teilweise brutaler. Das sind sehr oft Osteuropäer, bei denen häufig Alkohol im Spiel ist. Die Widerstandshandlungen gegen meine Mitarbeiter nehmen auch zu und werden aggressiver.

Hessen entwickelt sich nach Einschätzung des Verfassungsschutzes zu einem Zentrum radikaler Salafisten in Deutschland. Bei einer groß angelegten Razzia Mitte Juni war auch Frankfurt im Visier der Ermittler. Geht vom islamistischen Terror eine besondere Gefahr aus?

Mir ist es sehr wichtig, einen engen Kontakt mit den Moscheen und deren Verantwortlichen zu pflegen. Das ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Außerdem haben wir in Frankfurt sehr engagierte Ausländersachbearbeiter. Hinzu kommt, dass sich Prediger wie Pierre Vogel hier offensichtlich nicht so wohlfühlen, weil wir ihnen auf den Füßen stehen. Für mich am gefährlichsten sind die insbesondere über das Internet extrem Emotionalisierten und Radikalisierten aus allen Richtungen, die wir schwer einschätzen können. Sie verhalten sich unauffällig und rasten plötzlich aus. Ich erinnere an das Attentat am Frankfurter Flughafen im März 2011, wo amerikanische Soldaten erschossen wurden.

dpa

Quelle: op-online.de

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