„Populistische Diskussion“

Widerstand gegen schwarz-rote Versorgungspläne

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Mit heftigen Attacken wehrt sich die hessische Ärzteschaft gegen eine geplante Reform aus Berlin.

Offenbach - Es geht rund: Der Vorstoß aus Berlin für eine Vier-Wochen-Frist bei der Terminvergabe in Facharztpraxen sorgt für hitzige Debatten. Von Jenny Bieniek

Während Landesärztekammer und Kassenärztliche Vereinigung die Pläne scharf kritisieren, sind Kassenverbände und Krankenhausgesellschaft voll des Lobes. Die Interessen beider Fronten könnten unterschiedlicher nicht sein. Es geht um Mehrbelastungen im Arbeitsalltag - und die mögliche Umverteilung von Honoraren.

„Die meisten Kliniken suchen händeringend nach Ärzten. Wer sollte angesichts dieser Situation die ambulante fachärztliche Versorgung im Krankenhaus übernehmen, wenn Niedergelassene in Praxen mit unsinnigen Vorschriften geknebelt werden?“, heißt es bei der Landesärztekammer. Das entworfene Vorhaben diene allenfalls dazu, die Versorgungssektoren ambulant und stationär gegeneinander auszuspielen und die Position niedergelassener Vertragsärzte zu schwächen, so der hessische Ärztekammerpräsident Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach. Denn: Suchen Patienten Fachärzte im Krankenhaus statt in der Praxis auf, soll auch das Ärztehonorar umgeleitet werden. Niedergelassene Spezialisten müssten angesichts der drohenden Patientenabwanderungen finanzielle Verluste fürchten, Kliniken würde dagegen eine neue Einnahmequelle erschlossen. Georg Baum, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft, freut sich schon über den weiteren Abbau von Barrieren zwischen ambulanter und stationärer Versorgung: „Damit würde eine wichtige Richtungsentscheidung getroffen.“

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An die Wurzeln

Doch der Widerstand in der Ärzteschaft hat sich längst formiert. „Die Politik sagt nicht, was die Neuregelung für den Patienten bedeuten würde - nämlich eine weitere Reduzierung der Kontaktzeiten“ mit dem jeweiligen Mediziner, kritisiert Karl Roth von der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen. Die Vorstöße aus Berlin haben seiner Meinung nach nichts mit der Realität in den Praxen zu tun und förderten Fließbandarbeit. Die aktuelle Diskussion bezeichnete Roth als „populistisch“.

Schneller zum Facharzt-Termin

Termine bei Fachärzten sind nicht immer leicht zu bekommen. Patienten müssen mitunter mehrere Wochen warten. Viele gesetzliche Krankenkassen greifen ihren Versicherten deshalb unter die Arme und sorgen mit einer Facharzt-Terminvermittlung dafür, dass sich ihrer Beschwerden schneller angenommen wird. Wie die Stiftung Warentest ermittelt hat, bieten von den 25 größten Krankenkassen 16 diesen kostenlosen Service an. Meist rufen Versicherte dafür bei einer eigens eingerichteten Hotline an oder kontaktieren ihren Ansprechpartner vor Ort.

Verärgert reagiert auch die Landesärztekammer in Frankfurt: „Dem Patienten ist mit einer Bestrafung seines Vertragsarztes keineswegs gedient. Nicht zuletzt stellt der Plan von Union und SPD eine unzulässige Einmischung in die Entscheidungsfreiheit des freien Arztberufes dar. Regulieren bis der letzte Arzt geht, scheint die Devise zu sein“, kritisiert von Knoblauch zu Hatzbach.

Nach Vorstellung von Schwarz-Rot sollten Kassenärztliche Vereinigungen in Zusammenarbeit mit den Kassen einen Terminservice einrichten, um überwiesene Patienten zeitnah bei einem Facharzt unterzubekommen, berichtet die Ärztezeitung. Viele Krankenkassen praktizieren das bereits seit Jahren (siehe Kasten). Einige Kassen haben zudem Verträge zur Hausarztzentrierten Versorgung abgeschlossen, die vorsehen, dass der Hausarzt die Koordination von Terminen bei Fachärzten übernimmt.

Doch wie sieht die Realität aus? Eine Befragung im Auftrag der verbraucherpolitischen Sprecherin der Grünen im Bundestag, Nicole Maisch, hat im Frühjahr ergeben, dass unter 470 Facharztpraxen in Hessen 17 keine Termine an Kassenpatienten vergeben. Privatversicherte dagegen hätten zeitnahe Termine bekommen. Bei nur einem Viertel der Praxen lagen die Wartezeiten für Kassenpatienten und Privatversicherte laut Studie nicht oder nur wenig auseinander.

Die wichtigsten Notruf-Nummern

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Quelle: op-online.de

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