An Frankfurter Goethe-Universität

Comic-Archiv: Von Prinz Eisenherz wachgeküsst

+
Es begann mit Höhlenmalereien: Für den Literaturwissenschaftler Bernd Dolle-Weinkauff sind die Bildergeschichten eine Herzensangelegenheit. 

Frankfurt - Wer in Deutschlands größtem öffentlichen Comic-Archiv auf Schatzsuche geht, braucht die Hilfe des „Comic-Hüters“ Bernd Dolle-Weinkauff. Auch was Höhlenmenschen mit Comics zu tun haben, kann der Experte erklären. Von Oliver Beckhoff 

Eine Wendeltreppe führt hinab ins Reich von Superman, Asterix und Micky Maus. Auf der Fläche einer Zweizimmerwohnung, im Keller des IG-Farben Hauses der Frankfurter Goethe-Universität, liegt Deutschlands „größtes öffentliches Comic-Archiv“. Der Hüter der Sammlung, Bernd Dolle-Weinkauff, ist Literaturwissenschaftler und Comic-Experte am Institut für Jugendbuchforschung. Seit über 30 Jahren betreut er das Archiv, das 1963 begründet wurde. Bei seinem Antritt sei die Sammlung noch „bescheiden“ gewesen, sagt Dolle-Weinkauff. „Ungefähr 6 000 Hefte waren es damals.“ Inzwischen sind es zehnmal so viele. Weil das Archiv nicht mitgewachsen ist, ist der Platz im „Comic-Keller“ knapp geworden.

Aufgewachsen ist Dolle-Weinkauff in den 50er Jahren, zur Zeit des Wirtschaftswunders. Er spricht von der „Boom-Zeit“ des Comics. Im Schulbus habe er damals die Geschichten von Prinz Eisenherz genossen. „Das ist an keinem aus meiner Generation spurlos vorbeigegangen“, sagt der Wissenschaftler - und meint damit den Comic-, nicht den Wirtschaftsboom. Die Bildgeschichten seien damals „von der Erwachsenenwelt und der etablierten Kultur bekämpft“ worden, sagt er. Heute sei das anders. „Es wird immer mehr Menschen klar, dass die Verschränkung von Bild und Text nichts Minderwertiges ist, sondern eine Bereicherung.“

Das didaktische Potenzial von Comics werde zusehends auch an Schulen genutzt. Auch um den Umgang mit Medien zu lernen, seien die Bildgeschichten geeignet. „Es gibt sonst kein Printmedium, das den elektronischen Medien so nahe steht. Das liegt an der Verbindung von Bild und Text“, sagt der Experte. Dass Comics in akademischen Kreisen manchmal trotzdem noch belächelt würden, sei unangebracht. Das sieht auch Joan Bleicher so, Comicforscherin an der Universität Hamburg. „Es geht bei Comics darum, das Menschliche in Bilder zu fassen. Das ist besonders für Geisteswissenschaftler interessant“, sagt sie. „Comics haben eine lange Traditionslinie. Das beginnt schon bei den Höhlenmalereien.“ Auch Dolle-Weinkauff bezeichnet die Zeichnungen von Frühmenschen, wie jene aus der Höhle von Lascaux im Südwesten Frankreichs, als „frühe Comics“.

Gefragt nach dem „Schatz“ des Archivs, kramt er routiniert „Bumm macht das Rennen“, ein Heft von 1947, aus einer von dutzenden grauen Pappkisten hervor. Es ist das älteste Heft, das er im Original hat - und das erste Comic eines deutschen Autors. Das Herzstück „seiner“ Sammlung präsentiert der Experte nicht ohne Stolz. Ob Dolle-Weinkauff den Blick des Liebhabers gegen den des Wissenschaftlers eingetauscht habe, will er nicht sagen: „Das ist kein Widerspruch“, sagt er. „Na gut, was mir nicht gefällt, muss ich heute trotzdem lesen“, lacht er.

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare